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Jahrzehnten zum ersten Male— wieder in friedlicher Absicht nach Sachsen einzog, empfiengen ihn die Fürsten des Landes als ihren König und Herrn. 3 Achtundzwanzig Jahre hatte Burchard den Krummstab geführt, mehr als dreizehn Mal hat er mit demselben das Schwert vertauscht, funfzehn Jahre lang unausgesetzt den Aufstand im Reiche geschärt. Von dem Augenblicke an, wo er in die Reihen der Gegner des Reichsober- hauptes getreten war, hat er auch nicht eine Stunde geschwankt, nie den Gedanken an eine An- näherung, an eine Aussöhnung gefasst, er hat den bittern Hass mit ins Grab genommen. Seine Feindschaft war mit den Jahren nur gewachsen; eifersüchtiger Partikularismus, kirchlicher Feuer- eifer, wilder persönlicher Hass— zumal seit der drückenden, schmachvollen Gefangenschaft—, alles kam zusammen, um ihn zum erbittertsten Kampfe gegen den Kaiser in die Schranken zu rufen. Heinrich hat nicht einen einzigen so unentwegten und charakterfesten Streiter, der zugleich diese Energie, diesen Mut, diese Spannkraft besessen hätte, in den Reihen seiner Anhänger gezählt, wie Burchard war. Das Unglück des Kaisers, das Unglück des Reichs wollte es, dass ein solcher Mann an die für beide ungünstigste und gefährlichste Stelle gesetzt wurde; Sachsen war der Boden, auf dem des Kaisers Feinde ihre reichsten Früchte sammelten; schwerlich hätte Burchard in Baiern oder in Schwaben bei gleicher Tätigkeit gleiche Erfolge erzielt, mancherlei Umstände würden dem Unheil, das er stiftete, die Wage gehalten haben. Wahrlich, tief beklagen muss man es, dass ein Mann von der tüchtigsten Kraft, von der höchsten Begabung seine gesammten geistigen wie ma- teriellen Mittel nur an das eine Ziel setzte: zu vernichten; denn kaum einer hat in deutschen Landen so sehr zur Untergrabung des königlichen Ansehns beigetragen, kaum einer mehr auf den Zerfall des Reiches hingearbeitet als Burchard. Hat er sich diese Folgen seiner Bestrebungen wohl klar gemacht? Gewiss konnte er nicht übersehen, wohin die Jdeen, für die er gekämpft, die er zum Teil mit ins Leben gerufen, führen musten; in Parteifanatismus und in blindem Glaubenseifer be- fangen, arbeitete er nur an der Bekämpfung des Mannes, den er als seinen und seiner Grundsätze Feind erkannte. Was kommen würde, wenn er sein erstrebtes Ziel erreicht, das entgieng seinem Urteil, darauf richtete sich sein Gedanke auch gar nicht. Nicht Gregor, nicht Anno, nicht Burchard konnten soweit vorausschauen, um sich die Konsequenzen ihrer auf klar bewuste Ziele gerichteten Tätigkeit vor Augen zu stellen.— Man kann ferner mit Recht Burchard, einem Bischof, einem Hüter des Evangeliums, den Vorwurf der Undankbarkeit, der Härte, des Mangels an wahrer christ- licher Denkungsart machen. Aber wir haben uns wohl zu hüten, bei Beurteilung des elften Jahr- hunderts die Anschauungen unsrer Zeit als Massstab zu gebrauchen; tritt uns doch gerade in jener Zeit ein kirchliches Pharisäertum in den grellsten Farben und in so unzählig vielen Beispielen entgegen. Versöhnlichkeit und christliche Liebe sind Tugenden, die wir gerade bei den über- zeugungstreuesten, charakterfestesten Personen jener Zeit am meisten vermissen. Hier nur ein Beispiel. Wie Burchard vor seinem Ende jede Annäherung an den gehassten Tyrannen, den er so lange bekämpft hatte, verweigert, wie er schon den Anblick desselben gleich der Pest fliehen zu wollen versichert, so kannte Adalbero von Würzburg, der vom Kaiser mehrfach und gerade zuletzt die schonendste und rücksichtsvollste Behandlung erfahren hatte, keine Nachgiebigkeit und milde Versöhnlichkeit, als er 1086 nach Wiedereroberung Würaburgs durch die Kaiserlichen in Heinrichs Hände gefallen war.„Ihr könnt mich in Fesseln legen,“ sagte er,„ihr könnt mich martern und tödten, aber nicht mit dem Gebannten zu verkehren zwingen.“ Das elfte Jahrhundert ist überhaupt die Zeit der äussersten Gegensätze in Anschauungs- wie IIandlungsweise. Wie sich ein Zug der Zeit, der sich auch gerade an Burchard betätigt, darin offenbart, dass eine unruhvolle,


