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Das Fürstenregiment, das bis dahin den König und das Reich nach Sonderwillkür beherrscht hatte, war zu Ende, Heinrich begann selbständig die Zügel der Regierung zu führen. Muste schon dies neue Erwachen der Königsgewalt diejenigen Fürsten, denen es nicht um das Reich, sondern um eigne Macht und eignen Glanz zu tun war, misstrauisch machen, so steigerte sich ihr Unmut durch das Benehmen, das der König ihnen im geschäftlichen oder persönlichen Vekehr entgegen- trug. Je mehr sie früher gewohnt gewesen waren, dass bei Hofe auf ihr Wort und ihren Willen gehört wurde, um so schmerzlicher wurde ihnen jetzt der Wille dessen fühlbar, den sie früher sich ihnen hatten fügen schen und der es jetzt verschmähte, ausschliesslich nach äusserem Range seine Ratgeber sich zu wählen. Und das ist es, wenn sie dem Könige zum Vorwurf machen eine hoch- mütige und geringschätzige Behandlung, die er den angesehensten und würdigsten Häuptern ange- deihen lasse, wogegen er unbedeutende und niedriggeborne Männer bevorzuge und zu hohen Ehren- stellen befördere. Und allerdings scheint Heinrich nur allzusehr sich die Weise seines vüterlichen Freundes und Ratgebers, Adalberts von Bremen, zum Muster genommen zu haben, der, selbst einem angesehenen Fürstengeschlechte entsprossen, sowohl die öffentliche Meinung verachtete als insbesondere Männer gerade von der vornehmsten Ierkunft zurücksetzte, ja sie mit seinem Spotte verfolgte und sich dadurch zu Feinden machte, während er sich als Patron der Armen und Ge- ringen gefiel. Verletzte Eitelkeit und gekränkte Eigenliebe waren es, die manchen Fürsten im Reiche dem Könige abwendig machten, wenigstens verstand es Heinrich nicht immer, die Grossen durch sein Benehmen zu gewinnen. Aber ich glaube, des Königs Beweggrund lag noch tiefer. „Ieinrich IV. gieng damit um, die tiefe Kluft zwischen Freien und Unfreien, welche seit Karls des Grossen Tagen Ungunst der Umstände, Gewalt oder List aufgetürmt hatte, zuerst in Sachsen, dann aber auch in den andern Provinzen niederzureissen und eine mittlere Linie zu ziehen, zu welcher die Freien herabgedrückt, die Unfreien emporgehoben werden sollten. Gleichheit für Alle vor dem Gesetz war im Werke.“ ³⁸⁹) Dass den sächsischen Fürsten, in deren Gebieten sich Heinrich am meisten und liebsten aufhielt, solche Bestrebungen und solches Benehmen am schwersten fühlbar wurden, schon weil sie häufiger Gelegenheit hatten mit dem Könige persönlich in Berührung zu kommen, ist natürlich. Und als Ieinrich, auch hierin seinem Vorbilde Adal- bert*⁰) folgend, um für den Notfall Stützpunkte gegen die Sachsen zu haben und um unter allen Umständen auch mit Gewalt sein königliches Ansehn zur Geltung zu bringen, rings um den Har⸗ und in Tnüringen den Kranz von Festungen anlegte, deren Besatzungen natürlich, da die Burgen nicht die Zubehör eines ausgedehnten Grundbesitzes hatten, der umwohnenden Landbevölkerung zur Last fallen musten: da hatten die Fürsten das Volk hinter sich und konnten nun einen allge- gemeinen Aufstand, der vorher vergeblich versucht worden war, ins Werk setzen: es war nicht mehr der Widerstand der Aristokratie, es war die Empörung des Volks. Freilich gab Heinrich selber den Sachsen zu ihren Besorgnissen vor Bedrückung und Vergewaltigung gerechten Anlass: Magnus, der Sohn des alten Sachsenherzogs Ordulf, wurde seit seiner Beteiligung an Ottos von Nordheim Verschwörung 1070 in strenger IIaft gehalten, und nicht hatten die Bitten und Vorstel- lungen der Fürsten, nicht die uneigennützigste Verwendung seines Freundes Otto von Nordheim seine Befreiung zu erwirken vermocht. Aber ich wiederhole es: alles das varen nichts als die Veranlassungen zur Empörung, der Grund derselben ist wo anders zu suchen; der Grund war die partikularistische Stellung, die Sachsen dem Reiche gegenüber behauptete und namentlich dessen Fürsten gegen die Kaiser aus salischem Geschlechte von jeher behauptet hatten. Der König stand ihnen wie ein fremder gegenüber. Hiess doch der deutsche König noch immer ganz


