Aufsatz 
Burchard II. von Halberstadt, der Führer der Sachsen in den Kriegen gegen Heinrich IV
Entstehung
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werden sollten, errangen zuerst ihre alte Freiheit wieder, um nicht unter dem Joche der Knecht- schaft zu bleiben, dann begannen sie einen Wettstreit mit einander, wer unter ihnen der mächtigste wäre, und endlich nahmen sie kühn die Waffen und versuchten ihren Herrn und König abzusetzen.

Freilich stellen die weitaus meisten der gleichzeitigen Erzähler jener Begebenheiten die Sachen so dar, als sei Heinrich bei fortgesetzten schnöden Angriffen gegen die Kirche in einen prinzipiellen Widerstreit mit allen ihren wahren Anhängern getreten. Aber wie sollte man von Zeitgenossen, die eben mitten in dem wilden Parteigetriebe, mitten in den wirren Kämpfen stehn, auch erwarten, unbefangen und durch eigne Parteinahme unbeirrt ein Urteil abzugeben! Stelle man sich nur vor, mit welcher zügellosen Leidenschaftlichkeit man heute Ansichten über kirchliche Dinge verficht und angreift und wie wenig man sich scheut, in dem Widerstreit der Meinungen die Sache mit der Person zu verwechseln. Es ist ganz erklärlich, dass ein grosser Teil unsrer Geschichts- quellen jener Zeit der Kämpfe Streitschriften sind, Schriften, welche den ausgesprochenen Zweck haben, eine Partei zu rechtfertigen und die Gegenpartei herabzusetzen; und wenn die historischen Schriften, in denen jener Zweck nicht bewust vorlag, gleicherweise einen schroffen Parteistandpunkt nicht verleugnen, selbst bei dem besten Willen des Schriftstellers die Wahrheit zu sagen, so ist das ebenso wenig zu verwundern: es konnte cben niemand ausserhalb der beiden feindlichen Lager stehn; überdies waren die meisten Schriftsteller Mönche, und von einem Mönche, d. h. einem Menschen, der sich durch ein Gelübde der Freiheit seiner Handlungen und seines Urteils begeben hat, kann man am wenigsten verlangen, dass er sich über seine Zeit erhebe. Selbst den besten, geschicktesten und geistvollsten jener Geschichtschreiber und ihrer sind wenig genug war eine Darstellung sine ira et studio völlig unmöglich: sie waren nichts als Stimmen der Zeit. Das gilt nicht zum wenigsten von dem anerkannt vorzüglichsten gleichzeitigen Schriftsteller, Lambert, dem Hersfelder Mönch. Aber je höher gerade seine stilistische und historische Kunst über der der übrigen zeit- genössischen Chronisten steht, je mehr man in der Folgezeit die Anschauung gewann, dass er einen verhältnissmässig freien Ueberblick über die damalige Lage des Reichs und die das Reich erschüt- ternden Kämpfe besass: um so mehr glaubte man auf ihn als den zuverlässigsten Gewährsmann sich verlassen zu müssen, um so mehr wurde die Geschichtschreibung der Folgezeit durch seine Schilderung und seine Art die Dinge und Personen aufzufassen beeinflusst; und er besonders ver- schuldet das harte Urteil, das man über Heinrich IV. gefällt hat. Vielleicht lässt sich damit an- nähernd vergleichen, wie das Urteil über Tiberius, beeinflusst durch die Schilderung, welche uns Tacitus gibt, getrübt ist, weil man neben einem Tacitus den übrigen historischen Schriftstellern nur allzuwenig Stimmrecht eingeräumt hat. Es ist das Verdienst der neuesten Geschichtsforschung, in erster Linie Flotos, den wahren Wert und die Glaubwürdigkeit der Darstellung Lamberts in den ihr zukommenden(Gtrenzen festgestellt zu haben. Freilich ist bei Lambert nichts von der Frechheit und Bosheit zu finden, mit der andere, wie Bruno in seinem Sachsenkriege, Heinrich IV. in den Staub zu treten suchten; aber die von den Gegnern Heinrichs in Umlauf gesetzten Schand- geschichten fanden Glauben bei den Späteren, auch nachdem man durch die Länge der Zeit ge- lernt hatte vorurteilsfreier jenen Zeitabschnitt zu betrachten, weil sie nach dem Bilde, das Lam- bert von dem Kaiser entworfen, wenn nicht diesem zugetraut werden musten, doch immerhin nicht völlig psychologisch unerklärlich erschienen. Dascalumniare audacter, aliquid haeret, das so oft und gern, auch in unsern Tagen wieder, eine Waffe in politischen und religiösen Streitigkeiten gewesen ist, ist von Niemand mit grösserem Eifer und man kann sagen mit grösserem Erfolge angewendet worden, als von den Gegnern Heinrichs IV., mochten sie Papisten oder Partikularisten