16
theilt durch Rescript Königlichen Provinzial-Schulkollegiums zu Cassel vom 25. Jan. 1870— als eine zu Abgangsprüfungen berechtigte höhere Bürgerschule, d. i. eine Realschule I. Ordnung ohne Prima, anerkannt. Ostern 1873 wurde dann das erste Abiturienten-Examen abgehalten, welches sich scitdem regelmässig wiederholt und das bis jetzt 25 Schüler bestanden haben. Von diesen setzten 9 ihre Studien auf einer Realschule I. Ordnung fort, resp. werden sie fort- setzen, indem sie ohne weitere Prüfung in die Prima dieser Anstalt eintraten. Um dieses Ziel zu erreichen, war es selbstverständlich nothwendig, unsere Anstalt in ihrer Organisation mit den gleichnamigen Klassen einer Realschule I. Ordnung nach Cursusdauer und Klassenzielen in volle Uebereinstimmung zu bringen. Eine sehr wichtige und in ihren Folgen gewiss weittragend wir- kende Anerkennung ist den Reallehranstalten in der neuesten Zeit dadurch eworden, dass durch allerhöchste Verfügung vom 18. Febr. c. der Lehrplan der Realschule I. Ordn. den mili- tärischen Bildungsanstalten(Cadettenhäusern) nach Klassenzielen und Cursussdauer zu Grunde elegt worden ist, wodurch natürlich ein Uebergang der Schüler von ersteren Anstalten auf etztere jederzeit ohne Schwierigkeit möglich ist. 4
Das verflossene Schuljahr war insbesondere bezüglich des Gesundheitszustandes der Lehrer und Schüler ein günstiges zu nennen, indem nur im Herbste mehrere Schüler durch Krankheit am regelmässigen Schulbesuch gehindert waren. In den Fällen, in denen ein Lehrer durch Krank- heit oder anderweitig verhindert war, wurde derselbe durch den Unterzeichneten, soweit dessen freie Zeit solches ermöglichte, vertreten; durch ein alsdann eintretendes weiteres Vicariren der Collegen wurde ein Ausfall von Unterrichtsstunden thunlichst vermieden. H132
Das verflossene Schuljahr war das erste seit der Reorganisation, in welchem keine Aen- derung in dem Lchrercollegium vorgekommen ist.
Die grosse Wärme in den ersten Tagen nach den Sommerferien machten ein mehrmaliges Ausfallen des Nachmittagsunterrichtes, bezw. der Stunde von 2— 3 Uhr nothwendig.
In Uebereinstimmung mit dem an allen höheren Lehranstalten herrschenden Gebrauch wurde in diesem Jahre wieder mit Schülern der Tertig und Secunda eine grosse zweitägige, in je zwei Jahren stattfindende Turnfahrt nach dem Heiligenberge, dem Meissner, nach der Werra und dem Hanstein, zurück über Witzenhausen, Münden und Cassel, am 23. und 24. Juni ausgeführt und von den Collegen Dr. Schäfer, Wachsmuth und Dr. v. Cölln geleitet. Die andern Schüler machten am erstgenannten Tage in zwei Abtheilungen, begleitet von den Herren Dute, Leimbach, Wolff, Schneider und dem Unterzeichneten einen Spazier- gang über Fronhausen und den Gleiberg nach Giessen, bezw. nach dem Frauenberge und dem Schröcker Brunnen. Alle Touren waren, begünstigt von einem heitern Himmel und klarer Fern- sicht, zur vollen Zufriedenheit ausgefallen-
Die Ferien waren in voller Uebereinstimmung mit denen des hiesigen Gymnasiums vom 3.— 23. Juli, vom 22. Septbr. bis 14. Oct. und vom 23. Dec. bis 8. Jan. In den dreiwöchent- lichen Sommer- und Herbstferien wurde auch im letzten Schuljahre die rechtzeitige Anfertigung der Ferienarbeiten von dem Unterzeichneten in der Weise controlirt, dass die hies. Schüler der drei unteren Klassen an bestimmten Tagen der Ferien ihre Arbeiten vorzeigen mussten. Diese Controlle hatte Herr College Leimbach für die Schüler der Serfa als Ordinarius dieser Klasse selbst übernommen und ausgeführt. Hierbei erwähme ich gern, dass Herr Leimbach im Winter- semester allwöchentlich an einem Abend mit der Secunda, um dieselbe mit unserm grössten Dichter genauer bekannt zu machen, die wichtigeren Dichtungen desselben erklärend gelesen hat.
Auch in diesem Schuljahre fanden wie seither Schulactus am 2. Septbr. und 22. März statt. An jenem Tage hielt, wie auch in den früheren Jahren, die Festrede der Unterzeichnete, in welcher er ein Lebensbild des General-Feldmarschall Graf Moltke zu entwerfen suchte. Am Nachmittage desselben Tages fand ein Auszug der Schüler, geführt von den Herren Dute, Leimbach, Schäfer, Wachsmuth, Schneider und dem Unterzeichneten, von der Ketzerbach durch die Stadt nach dem Cappler Berg statt, wo unter dem Gesang„der Wacht am Rhein“ ein Holzstoss abgebrannt wurde. Am Geburtstag Sr. Majestät unseres allverehrten Kai- sers und Königs sprach Herr Dr. v. Cölln; er entwarf in seinem Vortrag ein Bild von dem Leben und Wirken des grössten Staatsmannes und Patrioten unserer Zeit, dem Fürsten Bis- marck. Bei den Schulfeierlichkeiten wechselten ausserdem in gewohnter Weise Declamationen
und Gesang patriotischer Gedichte und Lieder mit einander ab.


