gias, zu dem ihn sein Vater als etwa zwanzigjährigen Jüngling nach Thessalien reisen ließ; den athenischen Redner und Staatsmann Thera- menes hörte er wohl öffentlich reden und hatte mit ihm Verkehr; auch genoss er den Umgang des Sokrates und war sein Verehrer, während dieser noch lebte und nach seinem Tode. Sokrates erwartete nach der Dar- stellung Platon's am Ende des Phädros von dem damals dreißigjährigen Isokrates Ungewöhnliches,«er übertreffen, meinte er,«in seinen Reden den Lysias(welcher bis dahin, nämlich Olymp. 93. 3(406 v. Chr.) nur Uebungsreden, Bsxétac, wie den porckes geschrieben hatte) und werde, reifer geworden, über andere Redner wie über Knaben hervorragen, falls er sich zu den Reden wenden werde, oder in andern Fächern, wohin sein Trieb ihn einst führe, vermöge seiner vorzüglichen Geistes- anlagen Bedeutendes leisten; denn von Natur sei eine gewisse Weis- heitsliebe in dem Geiste des Mannes.»
Auf solche Weise vielseitig geschult und gebildet, schon in der Jugend den Einflüssen der verschiedensten Geistesrichtungen ausgesetzt, konnte es leicht geschehen, dass Isokrates die Eigenthümlichkeiten jener Männer, deren Unterricht er genossen, eines Tisias, eines Gorgias, eines Prodikos und eines Sokrates theilweise in sich aufnahm, und diese Eigenthümlichkeiten, verbunden mit der aus den persönlichen Verhält- nissen und der Zeitlage hervorgegangenen Geistesrichtung dieses in der Zahl der Redner rühmlichst genannten Mannes, geben uns das verlangte Bild der Beredsamkeit unseres Rhetors.
Von wenigen der alten Autoren liegt das ganze Thun und Lassen in deren Schriften so klar ausgeprägt vor als von Isokrates; denn sein Kreis, in welchem er die wahre Glückseligkeit findet, so dass alles andere dagegen ihm kleinlich und untergeordnet erscheint, ist beschränkt; nicht auf Hervorhebung oder Entwicklung religiöser Ideen ist es bei ihm abgesehen, wie bei Herodot oder Pausanias, noch tritt irgendwo höhere politische Einsicht hervor, wie bei Thukydides, im Gegentheile findet man bei Isokrates, dass er im Vergleiche mit Demosthenes über die wahre politische Lage Griechenlands ganz im Unklaren war und die Enttäuschung, welche er erfahren musste, brach ihm als echten Patrioten das Herz.
Was philosophischen Sinn betrifft, den sich unser Redner von Sokrates hätte aneignen können, kann man bei Isokrates nur bemerken, dass er den edlen Weisen nur so weit benutzt zu haben scheine, um eine oberflächliche Kenntnis sittlicher Begriffe sich zu verschaffen und seinem ganzen Streben den Anstrich zu Beben, als sei es auf Weisheit gerichtet.


