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jedem Volke irgend einmal ein Zeitpunkt ein, wo die Reflexion erwacht, wo die Ueberlieferung, das Herkommen, das Positive, ihre bisherige Autorität und bindende Kraft verlieren, wo das Subject nach Gründen fragt und die Forderung erhebt, dass, was es als bindend anerkennen soll, sich vor ihm als vernünftig ausweise. Diese Forderung ist allerdings berechtigt; dagegen kann andererseits von demjenigen, der sie erhebt, gefordert werden, dass er nicht seine Willkür, sein subjectives Meinen und Belieben zum Matzstab macht. Dies ist die Stellung des Sokrates zur Sophistik. Er hat zum Satze der Sophistik, den Protagoras aus- sprach:«Das Matß aller Dinge ist der Mensch»(xdνναυνν ρμμ⁴αονν ετενον 05, 16» Lsy bytoy, B0rl, T6y d e dy, 6 o57 0 Diog. Laert. IX. 51. Plat. Theaet. 152, a; 160, d; 166, d; Kratyl. 385, e und sonst.) das Correctiv hinzugefügt: ja der Mensch, aber nicht der ein- zelne Mensch und seine zufällige Lust und Meinung, sondern der ver- nünftige oder allgemeine Mensch, d. h. der Mensch, der den rechten Begriff von der Sache, von den objectiven Eigenschaften und Verhält- nissen der Dinge hat und durch diesen rechten Begriff sich in seinem Handeln leiten lässt.
Durch die verfehlten sophistischen Bestrebungen, der Lehre vom Schein Anerkennung zu verschaffen und jede reale Erkenntnis der Dinge, sowie die Allgemeingiltigkeit jedes Wissens zu leugnen, nahmen Wissen- schaft und philosophische Speculation, die nur in den sokratischen Schulen sich als das freie Erzeugnis des nach Wahrheit ringenden Geistes erhielten, einen mehr empirischen und zünftigen Charakter an, wie denn ebenfalls im Gegensatz zur sokratischen Dialektik, die durch Fragen und Antworten auf offener Straße, in der freien Natur oder in den Werkstätten zur Selbsterkenntnis führen wollte, von der neueren sophistisch-rhetorischen Richtung als Darstellungsformen einerseits die Epideiktik,«die Werkmeisterin der Ueberredungv, andererseits die Eri- stik, die für jede Argumentation das pro und das contra beanspruchte, beliebt wurden.
Mitten in diesen Gegensätzen hat Isokrates sich herangebildet; denn sein Vater Theodoros, welcher sich durch den Betrieb einer Flöten- fabrik ein ansehnliches Vermögen gesammelt hatte und in ziemlichem Wohlstande lebte, konnte ihm eine vorzügliche Erziehung verschaffen, was er denn auch im reichsten Maße und so vielseitiger Weise that, dass Isokrates an Bildung wohl keinem Zeitgenossen nachstand.
Außzer dem Unterrichte, der Knaben zutheil wurde, hörte er und lernte er durch Umgang näher kennen die berühmtesten der Sophisten, welche mannigfaltiges Wissen, besonders aber die Kunst des Ausdruckes lehrten, wie Prodikos von Keos, Tisias von Syrakus, Protagoras, Gor-


