Aufsatz 
Isokrates und der am Schluss von Platon's Euthydem gezeichnete Rhetor / von Leopold Waber
Entstehung
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Das politische Leben nämlich, nach antiker Vorstellung der In- begriff aller Sittlichkeit, war gewaltsam zerrüttet, die Stammesunter- schiede, statt wie früher in gegensätzlicher Berührung zu erstarken, drohten sich aufzulösen und die materielle Erschöpfung, welche nach der ungeheueren Anstrengung der Kriegführung und dem furchtbaren Falle der Macht Athens mit dem Ende des peloponnesischen Krieges ein- getreten war, sowie der auf's äußerste gesteigerte Gegensatz der beiden Hauptstaaten hatte sowohl Athen als Sparta für fremdländische, namentlich persische Einflüsse empfänglich gemacht. Freiheit und Demokratie wurden zwar wieder in Athen durch Thrasybul und seine Freunde hergestellt, aber das vorhin so mächtige Athen hatte aufgehört, Hauptstadt eines großen Reiches, Beherrscherin des Meeres und der Küstenländer zu sein und bekam erst durch Konon's kluges Benehmen bei den Persern einen geringen Theil der früheren Herrschaft wieder.

Die bildenden Künste, die unter Perikles durch Phidias sich aufs herrlichste entfaltet hatten, konnten bei dem Mangel an Vermögen und Unternehmungslust keine neuen Blüten treiben; erst ein Menschenalter später, von Olymp. 102(372 v. Chr.) finden wir einen neuen Auf- schwung in der jüngeren attischen Schule; doch die Gebilde eines Praxi- teles und Skopas lassen trotz ungemeiner Virtuosität in der Darstellung des Pathetischen und rein Menschlichen die ideale Hoheit von des Phidias Göttergestalten vermissen.

Die Poesie entartet in der spätern Tragödie und dem Dithyrambus immer mehr in sinnliche Spielerei und spitzfindige Rhetorik, ebenso vergisst auch die neuere Komödie die sittlich ernsten Aufgaben, die ein Aristophanes sich stellte überhaupt war das ganze geistige Leben, obwohl vielseitig genug, bedeutend weichlicher geworden; der großartige Schwung, das edle Bewusstsein innerer Größe, die energische Anspannung in jeder Bestrebung schien aus den Künsten wie aus dem Leben ge- wichen zu sein. Seit Jahren schon war man den Ueberlieferungen alter Weisheit und alter Frömmigkeit entfremdet worden. Hatte hier doch namentlich die Sophistik, so sehr sie für rhetorische und philosophische Studien eine außerordentliche Anregung gewährt, im höchsten Grade zersetzend gewirkt. So sehen wir, seit dem Ende des fünften Jahrhunderts bereits, mit den dogmatischen Bestrebungen die Skepsis im lebhaften Kampfe begriffen.

Während das Recht und Verdienst der Sophistik darin bestand, dass sie das Princip der Subjectivität, des Selbstbewusstseins, der Frei- heit aufgebracht, lag ihr Unrecht darin, dass sie die endliche oder empirische Subjectivität zum Princip gemacht, das zufällige Wollen und Vorstellen des Individuums auf den Thron gesetzt hat. Wohl tritt bei