Aufsatz 
Isokrates und der am Schluss von Platon's Euthydem gezeichnete Rhetor / von Leopold Waber
Entstehung
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ISokrates,

und

der am Schluss von Platon's Zuthydem gezeichnete Rhetor.

Zur richtigen Beurtheilung eines Mannes, wie Isokrates, welcher von Cicero de orat. II. 3. pater eloquentiae genannt wird, dürfte es nicht von geringer Bedeutung sein, in den allgemeinsten Umrissen wenigstens der Zeitverhältnisse zu gedenken, durch welche die Persön- lichkeit dieses bedeutenden Rhetors wesentlich beeinflusst worden ist.

Drei volle Menschenalter umfasst das Leben des Isokrates: 5 Jahre vor dem peloponnesischen Kriege geboren, starb er unmittelbar nach der Schlacht bei Chäronea eines freiwilligen Todes. Die Umgestaltung des gesammten griechischen Culturlebens, gerade in dieser Zeitepoche, ist ja eine der durchgreifendsten und vielseitigsten gewesen.

Für Athen insbesondere begann mit dem vierten Jahrhundert eine ganz neue Zeit des reichsten geistigen Lebens, die Zeit seiner zweiten großen Blüte in Kunst und Wissenschaft. Mannigfaltiges Leben regte sich auf allen Gebieten. Vorzugsweise zu nennen ist die Einwirkung der platonischen Philosophie, der gegenüber die Schulen der Sophisten und Rhetoren sich gruppieren; auch in der bildenden Kunst tritt im Gegen- satz zur früheren Zeit eine eigenthümlich neue, zum Theil mit reli- giösen Elementen innig verwachsene Richtung hervor. In rascher Folge kommen die bedeutenden Regungen, die in Athen begründet sind, zu- gleich dem übrigen Griechenland zugute, attische Bildung wird fortan die tonangebende unter den Hellenen, und die geistige Hegemonie Athens, der zouth gorla von Hellas, ist seit dieser Zeit eine unbestrittene zu nennen.

Was aber in der Geschichte der Völker mehrfach beobachtet worden ist, dass solche Zeiten, in denen Wissenschaft und Kunst sich einer ganz besonderen Blüte erfreuen, zugleich Zeiten gewesen sind tiefen moralischen Verfalls, und dass dann selbst die hingebendste Pflege der schönen Künste nicht immer imstande gewesen ist, die Immoralität mit Erfolg zu bekämpfen eine ähnliche Erscheinung tritt uns in dieser Epoche auch in Griechenland entgegen.