Aufsatz 
Die fossilen Wirbelthiere : Eine paläontologische Studie
Entstehung
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9.

noch keinen Beweis dagegen, daß ſie nicht doch früher gelebt haben. Ihr Skelet iſt ſehr fein und zur Erhaltung an und für ſich nicht geeignet, zudem wohnen ſie nicht fern vom Waſſer in trockenen Gegenden, ſo daß ſie nicht leicht im abgeſtorbenen Zuſtande in den Schlamm der Gewäſſer kommen und ſo ſich er⸗ halten konnten. Es kann deshalb wohl ſein, daß ſie ſchon früher gelebt, aber keine Spur ihrer Exiſtenz uns zurückgelaſſen haben. Gerade im Tertiärgebirge unſerer Gegend findet ſich etwas, das man vielleicht nicht mit Unrecht als den Ueberreſt von Schlangen gedeutet hat; es ſind die kleinen ellipſoidiſchen, beider⸗ ſeits gleichmäßig abgeſtumpften, im Innern mit zahlreichen, ſchönen, kleinen Kalkſpatkryſtällchen ausgeklei⸗ deten Kalkconcretionen, die am Bieberer Berg ſo zahlreich vorkommen und im Volke nnter dem Namen verſteinerte Vogeleier bekannt ſind. Dieſe Körper ſind angeſprochen worden als Schlangeneier, die bei⸗ derſeits gleichmäßig abgeſtumpft ſind, während die Vogeleier auf der einen Seite ſpitzer als auf der andern ſind. Von anderer Seite hat man ſich veranlaßt gefunden, in dieſen Dingen Ueberreſte von Blutegeln zu ſehen. Dieſe Thiere legen nämlich zahlreiche Eier nebſt Eierweißſtoff in eine gemeinſame Kapſel(Cocon). Nach der anderen Anſicht ſollen dieſeverſteinerten Vogeleier foſſile Blutegelcocons ſein.

Die Schildkröten, die in manchen Stücken höher als die Saurier organiſirt ſind, treten auch ſpäter als dieſe, erſt im Jura, auf; im Tertiärgebirge ſind ſie häufiger, im allgemeinen aber zählen ihre Ueber⸗ reſte zu den Seltenheiten.

Das allgemeine Entwickelungsgeſetz, daß das Vollkommene in ſpäterer Zeit, als das weniger Voll⸗ kommene auftritt, finden wir auch bei den Reptilien im allgemeinen beſtätigt. Die Reptilien ſahen wir ſpäter auftreten als die Fiſche, bei ihnen fanden wir gewiſſermaßen den Keim, aus welchem die Organiſation der Vögel und der Säugethiere hervorgeſproßt iſt. Dieſen Keim hat Agaſſiz noch weiter rück⸗ wärts verfolgt und glaubt ihn bei den Sauroiden, einer Abtheilung der Ganoidfiſche, gefunden zu haben, ſo daß alſo dieſe zuerſt auf eine höhere Entwickelung des Fiſch- zu dem Reptilien-Typus hinweiſen, während die Reptilien die Wurzel gebildet hätten, woraus Vögel und Säugethiere emporge⸗ ſproßt wären.

Wir können die Betrachtung der Reptilien nicht abſchließen, ohne wenigſtens einen Blick auf eine Kunde aus der Vorwelt zu werfen, die bei ihrem Bekanntwerden großes Aufſehen erregte und die, da ſie in mancher Beziehung noch vieles Dunkle und Räthſelhafte enthält, noch heute Gegenſtand allgemeinerer Beachtung iſt. Es iſt bekannt, daß man die Thiere des Waldes und Feldes leicht an der Fährte zu er⸗ kennen vermag, die dieſelben beim Laufen über aufgeweichte Wege, oder feuchten Schlamm zurücklaſſen, man iſt keinen Augenblick im Zweifel, ob ein Fuchs oder eine Gans die Stelle paſſirt hat, wo die Fährte ſich findet. Denken wir uns nun die Fährten, die etwa ein Fuchs und eine Gans durch Darüberlaufen in feuchtem Schlamm hervorgebracht haben, vom Waſſer überfluthet und vom Abſatz deſſelben, dem Schlamm, überzogen, greifen wir dann in die unendliche Zeit und überantworten wir die Spuren der ſchaffenden Hand von ein paar Jahrtauſenden, ſodaß das Waſſer etwa ſich allmählich verlaufen hätte, der Schlamm aber verhärtet wäre und es käme von ungefähr ein Geologe der Zukunft daher, der einen Brocken des ver⸗ härtetem Schlammes entzwei ſchlüge. Daß eine Fußſpur hier vorliege, würde er ohne Zweifel erkennen, ob er aber die Individuen, die dieſelbe hervorgebracht haben, benennen könnte, das iſt denn doch fraglich. Angenommen das Geſchlecht der Füchſe und Gänſe ſei ausgeſtorben, ſo würde der Geologe wohl zunächſt zu dem Reſultat kommen, daß die Fährte eines Vierfüßers und eines Zweifüßers hier vorliege, die den Fährten dieſes oder jenes Thieres nicht unähnlich ſei. Er würde dann den erhärteten Schlamm nach allen Richtungen durchſuchen, um vielleicht noch irgend einen Körperüberreſt zu finden. Den wird er aber nicht finden, denn wir nehmen ja an, die Thiere ſeien eben nur über den Schlamm gelaufen. Wären dieſelben aber ſpäter abgeſtorben und ihre Leichen durch irgend einen Zufall ins Waſſer gekommen und mit dem ſich abſetzenden Schlamm zu Boden gefallen, dann würde der Geologe wohl auch von den Harttheilen etwas finden und aus dieſen einen Rückſchluß auf das ganze Weſen machen können und nun ſagen, das rührt von einem Fuchs, das aber von einer Gans her. Nun, wir ſind heute in der Lage jenes Geologen, uns liegen ſolche erhärteten Schlammaſſen aus grauer Vorzeit, aus der Buntſandſteinperiode, vor. Die erſten wurden in Nordamerika gefunden, dann aber fand man ſie bei Heßberg unweit Hildburghauſen, in der Nähe von Jena und in neueſter Zeit auch in der Nähe von Karlshafen. Wir ſehen auf den Sandſteinplatten Fährten, mitunter ſogar ununterbrochene Furchen, die von dem Eindrucke eines herabhängenden Schwanzes herzurühren ſcheinen, und wir können wohl ſagen, ſie rühren von Vierfüßern und von Zweifüßern her. Das iſt aber auch ſo ziemlich alles. Es fehlt allerdings nicht an mehr oder weniger gegründeten Vermuthungen über die Natur des Chirothe- riums, wie man das unbekannte Reptil und über die Natur des Ornitichnites, wie man die Spur des unbekannten Vogels genannt hat. Aber der ungünſtige Zufall hat uns keinerlei Harttheile überliefert, nur Koprolithen