17
Diese Ausdehnung der Chatten nach dem Rhein und Main wurde für ihre Geschichte entscheidend. Denn während die Sweben sich mehr nach dem Innern Deutschlands zurück- ziehen und in den Kämpfen mit Rom in zweiter Linie stehen, um dann erst seit dem Ende des zweiten Jahrhunderts v. Chr. mit gesammelter Kraft gegen die Donau vor- zubrechen und Süddeutschland zu erobern, werden die Chatten alsbald in jene erbitterten Kämpfe der Rheingermanen gegen die Römer hineingezogen, die nach wechselvollen Entscheidungen blutigster Art im 3. Jhd. n. Chr. zur Gründung des Frankenbundes und zur endgültigen Eroberung des Rheinlandes durch die Deutschen in den nächsten Jahr-
hunderten führten. Durch die Teilnahme an diesen Kämpfen sind die Chatten zu Franken
geworden.
Die erste Periode dieser Kämpfe um den Rhein umfasst die Angriffe des Drusus und Tiberius, die Befreiung durch Arminius, die Angriffe des Germanicus, den Aufstand der Bataver und die weiteren Kämpfe bis Domitian. Gleich an ihnen sind die Chatten aufs stärkste beteiligt.
Zwar scheinen sie keineswegs die Absicht gehabt zu haben, als Vorkämpfer gegen die Römer aufzutreten. Denn als sich im Jahre 12 v. Chr. Drusus gegen die Sugambrer wandte, hielten sich die Chatten neutral. Dies erbitterte die Sugambrer so, dass sie im Jahre 11 v. Chr. trotz eines neuen drohenden Römerangriffs mit ganzer Macht gegen die Chatten zogen. Infolgedessen konnte Drusus unbehelligt durch das Land der Sugambrer zwischen Sieg und Ruhr bis an die Weser in das Cheruskerland vordringen. Im Herbste des Jahres 11 aber legte er im Chattenlande hart am Rheinufer ein Kastell an. Dies öffnete den Chatten die Augen. Sie versöhnten sich mit den Sugambern und versuchten sich den Römern zu entziehen, indem sie das Ubierland aufgaben(nach Dio 54, 36, 3). Aber schon war es zu spät. Das Chattenland war der Weg für die von Mainz aus ins Innere Deutschlands vordringenden Römer, musste daher in der Botmälſsigkeit Roms sein. Drusus suchte daher die Chatten in wiederholten Feldzügen im Jahre 10 und 9 seinem Willen gefügig zu machen.
Die Mattiaker im ehemaligen Ubierlande gerieten in eine ehrenvolle Abhängigkeit, sie stellten wie die Bataver den Römern Hilfstruppen, waren aber frei von Tributzahlung. Die Chatten im Stammlande aber boten hartnäckig Trotz. Sie waren es denn, welche im Süden, wie die Sugambrer, Marser, Bructerer und Cherusker im Norden, die härtesten Schläge der Römer trafen. So waren sie im Jahre 9 n. Chr. bei der Niedermetzelung der drei Legionen des Varus beteiligt; so suchte sie Germanicus im Jahre 15 u. 16 n. Chr. heim; 49 n. Chr. bekriegt sie Sulpicius Galba, der spätere Kaiser; 51 unternehmen sie einen Raubzug nach Obergermanien und werden dafür von Pomponius bestraft; 68 belagern Chatten, Mattiaker und Usiper, die nach dem Untergang der Sugambrer ihre nordwest- lichen Nachbarn geworden waren, vergeblich die Festung Mainz; dann feiert der Kaiser Domitianus über sie einen Triumph und beginnt den Bau des römischen Grenzwalles, der vom Rhein bis zum Main das Mattiakergebiet und die Wetterau gegen die Angriffe der Chatten zu decken bestimmt war.
Es folgte nun eine Zeit von etwa 100 Jahren unter den Kaisern Nerva, Traianus, Hadrianus, Antoninus, Marcus, in welcher ein friedliches Verhältnis zwischen Römern und
Germanen bestand. Die Grenze bildete der Niederrhein gegen die Rheingermanen: 3
12 v. Chr.
11 v. Chr.
10 u. 9 v. Chr.
9 n. Chr. 15 u. 16 n. Chr. 49 u. 51 n. Chr. 68 n. Chr.
90 n. Chr.


