Aufsatz 
Kleine Beiträge zur Geschichte der Chatten
Entstehung
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11 Diese Bekämpfung der Nachricht des Tacitus erscheint mir wenig stichhaltig. Das Hauptargument ist offenbar das letzte: Wenn die Niederländer von den Hessen stammen, müssen auch die übrigen fränkischen Stämme von den Hessen stammen. Nun sind die Franken aber istvaeonischen Stammes, die Hessen aber sind Sweben, mithin Irminonen, also können jene nicht von diesen stammen.

In diesem Schlusse ist der Vordersatz: wenn die Niederländer von den Hessen stammen, müssen auch sämtliche übrigen fränkischen Stämme rheinaufwärts desselben Ursprunges sein, völlig aus der Luft gegriffen. Warum müssen denn, wenn die Bataver Hessen sind, auch die Chamaven, Chattuarier, Marsen, Bructerer, Amsivarier, Usipeter, Tencterer, Tubanten Hessen sein? Sie sind es ganz gewiss nicht gewesen. Damit fällt die Beweiskraft des Schlusses dahin. Warum könnte nicht zwischen den sonst istvaeonischen Stämmen am Rhein der ursprünglich irminonische Bataverstamm sich niedergelassen haben? Ja, sind nicht nach Müllenhoffs eigener Ansicht sämmtliche istvaeonische Stämme von den Urgermanen, den Irminonen, ausgegangen und erst durch den Einfluss der keltischen Kultur zu einem besondern Zweige der Germanen geworden? Was aber den Franken- namen betrifft, so kommt der hier nicht in Betracht, da er erst viel später erscheint; gerade dieser Name aber umfaſst die Rheingermanen und Chatten. Die Niederländer vollends stammen nicht nur von den Batavern ab, sondern es sind in ihnen auch ingvaeonische(Friesen, Saxen) und vielleicht auch swebische Elemente vorhanden(Thoringi).

Ist also der Hauptbeweis Müllenhoffs gegen jene Nachricht des Tacitus verfehlt, so sind auch seine sonstigen Bedenken ohne Belang. Möglich ist es doch ganz gewiss, dass die Römer von den Batavern selbst die Nachricht von der chattischen Abkunft derselben erfuhren.

Seine Erklärung schlieſslich von der Entstehung der angeblich falschen Nachricht ist sehr unwahrscheinlich. Man höre! Die nordöstlichen Nachbarn der Bataver waren die Chattuarier. Diese wurden wegen des Anklanges ihres Namens an den Namen der Chatten für Abkömmlinge der letzteren gehalten. Vermutlich sind aber die Bataver, Canninefaten und Chattuarier stammverwandt, ja vielleicht ist der Gesamtname der drei Stämme eben Chattuarii gewesen. Daher heiſsen die Bataver Nachkommen der Chatten.

Um diesen Gedankengang annehmbar zu machen, fehlt vor allem eins. Es müſste irgendwo überliefert sein, dass die Chattuarier von den Chatten stammen. Das ist nicht der Fall. Nicht von den Chattuariern, sondern von den Batavern und ihren Stamm- verwandten, den Canninefaten, wird die Abkunft von den Chatten überliefert. Von einer Verwandtschaft der Chattuarier und Bataver schweigt die Ueberlieferung. Deshalb ist Müllenhoffs Erklärungsversuch überaus unwahrscheinlich und willkürlich.

Es ergiebt sich also, dass des Tacitus Nachricht von dem chattischen Ursprung der Bataver sehr wohl der Wahrheit entsprechen kann und dass wir sie nicht ohne weiteres für unglaubwürdig halten dürfen. Ich glaube auch, man würde sie an und für sich gar nicht so hartnäckig bestritten haben, wenn man nicht die weitgehenden Folgerungen, die aus der Nachricht gezogen worden sind, hätte abweisen wollen. Wenn daraus gefolgert wird, dass die sämtlichen später Franken genannten Stämme eigentlich Chatten seien, dass also Karl der Groſse ein Hesse war und sein Reich eine hessische Gründung,