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Gandestrius würde also den Gänserich bedeuten.
Ganz sicher ist die Deutung nicht. Denn erstens ist die Endung-estri im Deutschen sonst nicht nachweisbar, zweitens heiſst der Gänserich im Germanischen nach Plinius„ganta“, wie das provencalische ganta, afr. gante bestätigt; denn ganta entspricht ahd. ganazzo, ganzo, mhd. ganze, jetzt hessisch gänser. Wir hätten also neben einander im Germanischen die Formen ganda und ganta in der Bedeutung Gänserich anzunehmen, was misslich ist.
Tacitus erwähnt Annal. 11, 16 einen Chattenhäuptling Actumerus. Es muſs der- selbe sein, den Strabo 7, 1, 4 00 z 00Gh%600% mooäennt. Man darf annehmen. dass bei Strabo das o für t verschrieben ist und Uktomerus ungenaue Wiedergabe von Aktumernus ist.
Der Name ist zusammengesetzt aus Actu und merus; letzteres erscheint in germanischen Männernamen sehr häufig und bedeutet berühmt(so beilſsen bei den Cheruskern der Vater des Arminius Segimerus, sein Oheim Inguiomerus, der letzte Cheruskerkönig Chariomerus); dagegen bleibt undeutlich, was Actu heiſsen mag. Bezeugt ist der Name Acto aus späterer Zeit bei den Langobarden, es ist also an der Möglichkeit des Namens Actumerus nicht zu zweifeln.
Eine Handschrift der Annalen schreibt statt Actumerus mit leichter Umstellung Satumerus; das wäre wohl germanisch Chathumerus= ahd. Hadumar= kampfberühmt; doch darf man das gut überlieferte Actumerus schwerlich ändern.
Des Actumerus Tochter heilst Ramis. Der Name gehört zu an. ramr= stark.
Endlich gehört hierher auch der Name der jetzigen Hauptstadt des Landes, Cassel; freilich nicht in dem Sinne, als ob dieser Name chattisch wäre, sondern weil er aus derselben Zeit stammt, wie die eben behandelten Namen, aus der Zeit des Augustus. Der Name ist, um es gleich zu sagen, römisch und aus„castellum“ entstanden.
Dafür spricht schon die Analogie. Es giebt etwa ein Dutzend Ortsnamen Cassel oder Castel in Deutschland; alle liegen sie im Bereich der alten Römerherrschaft; bei einer Reihe von ihnen steht es fest, dass sie an der Stelle eines römischen„castellum“ liegen; so bei dem flandrischen Cassel, dem alten Castellum Morinorum, so bei Ober- und Niedercassel bei Neuſs, bei Ober- und Niedercassel am Siebengebirge, so bei Rheinkassel bei Worringen, bei der Casselburg in der Eifel, dem Dorfe Cassel bei Westheim, endlich bei Castel gegenüber Mainz, das zwar Castel geschrieben, aber Cassel gesprochen wird. Dafür spricht ferner die älteste überlieferte Namensform. In zwei Urkunden des Jahres 913 ist sie uns erhalten. In der einen lautet sie„Chassalla“, in der andern„Chassella“. Aus dem Jahre 1008 ist die Form Cassellam(Acc.) überliefert. Das führt auf castella, f. Nun giebt es im klassischen Latein freilich nur das Neutrum castellum, aber im Vulgär- latein hat es vielfach neben den Neutris auf-um auch Femininformen auf-a gegeben. So bezeugen die deutschen Lehnworte Meile, Bibel, Pfalz, Birne, Kirsche, Pflaume, daſs es neben mille, biblium, palatium, pirum, cerasum, prunum, wie es im klassischen Latein heiſst, im Vulgärlatein die Formen milia, biblia, palatia, pira, cerasia, pruma gegeben hat, die auch z. T. bezeugt sind. So kann es sehr wohl ein Castella, ae, f. gegeben haben. Und in der That ist es einmal, wenn auch erst sehr spät, bezeugt in der Vita
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4. Actumerus.
5. Ramis.
6. Cassel.


