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schon im 8. Jhd. Hessi lautet, so kann er nicht aus germ. Chatti entstanden sein. Alt- hochdeutsches ss ist vielmehr schon im Germanischen ss, das seinerseits aus indo- germanischem tt entstanden ist. Streitberg lehrt in seiner urgermanischen Grammatik § 120: idg. tt scheint schon voreinzelsprachlich zu tst geworden zu sein. Hieraus ist im Italischen, Keltischen und Germanischen ss hervorgegangen, das nach langer Silbe verein- facht wird; z. B. altindisch: sattäs= gesetzt, lateinisch: obsessus; aus Wurzel vid, gotisch wit= wissen wird das starke Praeteritum wäit und das schwache witta, das aber als wissa erscheint, gebildet; ebenso ahd. wissa, wessa. Darnach müssten also die Hessen schon altgermanisch Chassi und im Keltischen und Lateinischen Cassi heilsen. In der That ist in jüngster Zeit der Name der Hessen für identisch erklärt worden mit dem Namen des britischen Volkes der Cassi, welcher bei Caesar bell. Gall. V, 21, 1 vorkommt; beide Namen seien ebenso wie der Name der bekannten römischen gens Cassia abzuleiten von dem Worte Cassus, das von der indogermanischen Wurzel kas= glänzen herkomme, die im Homerischen ze-zναεέωνοο vorliege und das der Glänzende bedeute. Ein Cassus sei der Stammvater der gens Cassia, ein anderer Cassus der des britischen Volkes der Cassi und ein Chasso der der Hessen gewesen; letzterer wäre also der Vilmarsche Hesso.
Wäre das richtig, so hätten die Namen Chatten und Hessen nichts miteinander zu thun. Die Völker aber, welche sie bezeichnen, sind zweifellos identisch. Denn der Mittelpunkt der Chatten war zu Germanicus Zeiten Mattium; dies aber muss nicht weit nördlich von der untern Eder gelegen haben; ebendort aber ist auch das Stammland der Hessen, um Maden und Gudensberg. Wenn nun dasselbe Volk in älterer Zeit Chatti, in jüngerer Hassi, d. h. mit zwei Namen genannt wird, die sich durchaus gleichen bis auf die Verschiedenheit der Dentalis— so hält es schwer zu glauben, dass diese beiden Namen nichts miteinander zu thun haben sollten. Sollte sich die Unregelmälsigkeit in der Behandlung des tt nicht lautgesetzlich erklären lassen?
Riese hat in seinem Buche„Das rheinische Germanien“ darauf hingewiesen, dass die Überlieferung des Namens der Chatten bei den alten Schriftstellern schwankt. Es findet sich neben Chatti, das bei Tacitus und Plinius regelmälſsig steht, und Xęrτ, wie Strabo und Dio schreiben, auch Catti und gar nicht selten Catthi. So steht bei Velleius 2, 109 wohl Chattos im Text, aber zwei Handschriften schreiben Catthos; auch in des Tacitus Annalen hat 12, 27 eine Handschrift catthorum. Suetonius Vitellius 14 bietet: vaticinante Cattha muliere, und Domitian. 6: in Catthos und de Catthis; auch die Scholien zu Juvenal. 4, 144 bieten Catthi. Gregor von Tours Histor. Franc. 2, 9, hat Catthis; Paianios, der Übersetzer des Eutropius, schreibt ,X6νσςεέ acc. Plur. f., und Capitolinus hat Chatthi und Chatthos. Dass die Römer mit C und Ch am Anfange die germanische gutturale Aspirate wiedergeben, leidet keinen Zweifel. Ihr Schwanken zwischen tt und tth in der Mitte des Namens deutet darauf hin, dass sie auch hier einen Laut vernahmen, der ihnen in ihrer Sprache nicht geläufig war. Die Schreibung 19 in Karϑασς lässt vermuten, dass das th den Laut des griechischen 9, des englischen th, wiedergeben soll, also die interdentale Spirans; dann würde„tth“ den bergangslaut zwischen tt und ss ausdrücken, einen Laut also, der nicht mehr tt war und noch nicht ss, sondern auf dem Wege von tt zu ss.


