Aufsatz 
Das Leben und die pädagogischen Bestrebungen des Wolfgang Ratichius : 4. Abteilung
Entstehung
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in den Verdacht zu bringen, daß derſelbe das Beſte ſeiner Didaktik den Weimariſchen abgeſehen habe. So verging der Winter 1629 /30 für R. recht trübſelig. Die Rückgabe ſeiner Bücher verzögerte ſich von Monat zu Monat*); die gehoffte Annäherung der Jenaer Gelehrten blieb aus; dafür trafen ihn immer neue Anfeindungen, auch von Seiten ſeines Mitarbeiters Sannemann; endlich quälten ihn körperliche Beſchwerden des herannahenden Alters; nur in Kospots Hauſe bot ſich ihm freundlicher Zuſpruch und tröſtliches Wort; auch Anna Sophia verſäumte es nicht, durch ermunternde Briefe ihrenAlten Sohn aufzurichten.

Kurz nach Oſtern 1630 brachte R. mit Kospot und deſſen Gemahlin wieder einige Tage in Rudol⸗ ſtadt zu, und hier gelang es der Gräfin, den Mißmuth ihres Schützlinges ſoweit zu heben, daß er bei ſeiner Abreiſe ihr das Verſprechen hinterließ, ſich in Jena fortan recht friedfertig zu zeigen und ſich insbeſondere mit Sannemann zu vertragen**). Nichts deſto weniger loderte ſchon nach wenigen Tagen die ſchon ſeit längerer Zeit glimmende Zwietracht mit dieſem Collaboranten in hellen Flammen auf. Mißhelligkeiten, Anfangs wohl nur in wiſſenſchaftlichen Differenzen beruhend, führten in Folge des eigenſinnigen empfindlichen und leicht auf⸗ brauſenden Weſens beider Männer zu einem vollſtändigen Zerwürfniſſe. R. klagte über Sannemanns Unfleiß,

Ratichii dogmata institueretur. Verum ille haec nostra pro suis plane detrectavit agnoscere. Neque id mihi ad- modum molestum fuit. Ita enim deinceps a criminationibus plurimis, quas meretur Ratichius(sed hoc in aurem), liberi nos erimus. Fateor autem et hoc. me a Ratichio, quicquid est istius novae institutionis, nihil unquam didicisse. IIlustrissima Princeps ac Domina nostra pie defuncta Magisterii hujus laudem magna ex parte jure sibi vindicat. Reliqua praestiterunt Magni viri, ut nosti, Grawerus, Helvicus, M. Gualterus et alii, quibus non postremam laudem pia juventus debet. Meum fuit, illorum vestigiis insistere inventis, quae quotidiana praxis subministravit addere, et quantum fieri potuit, singula diligenter annotare.

*) Anna Sophia an Kospot. Ende December 1629:Wir möchten wohl einmahl ein gewiſſen ſchluß von Weimar wegen der bücher haben, hoffen daß 30. Jahr ſoll beſſer Zeit bringen. Dieſelbe an denſelben d. d. Rudolſtadt 6. April 1630:Ich warte immer auff die abordnung, es aber noch nichtes erfolget. Im Mai 1630 erfuhr Anna Sophia, daß man die Anſprüche des Frankfurter Kaufmanns(Daniel Briers, vgl. deſſen Schreiben an des Herzogs Johann Erust Rent⸗ meiſter Joh. Evander zu Weimar d. d. Frankfurt 18. Mai 1619), welcher auf die Bibliothek noch Geld(am 11. Juni 1619 waren es 382 fl. 21 Pr.) zu fordern hatte, noch nicht einmal befriedigt hatte, während man ihr von dieſem Geldeſo viel zugerechnet habe; es muß doch noch Alleß an die Sonne, waß noch ſo klein geſponnen. Anna Sophia an Kospot, praes. Jenae 9. Maii 1630.

**) R. hatte ſogar ſchon den Gedanken, Jena ganz zu verlaſſen und ſich nach Dresden zu begeben, wo er bei einer Freifrau Katharina von Stubenberg, deren Bruder von Kinsky und einem Prinzen Reuss Unterſtützung erwartete. Anna Sophin ſchreibt ihm am 12. Juni 1630:vnſer fl Vetter der Junge Herr Reuß hat von Dreſten geſchrieben Daß Er Euch ein loſament beſtellet, ſo nur 5 heüſer vom Küntzky wer, vnd wollte Euch gerne in der ſtille alle beförderung erweiſen, ſonſten weren die köpffe dort ziemlich verwirret, vnd würdet vbel Audiens erlangen... wen wir dan vmb Johannißabend wilß Gott wieder herkommen(ſie wollte mit ihrem Gemahle nach Chranichſeld reiſen), wollen wir Euch zu der reiß gernne beförderlich ſein, daß Ihr ſtracks nach dem Jubelfeſt auffweret, ſo findet Ihr Sie alle noch zu Dresden. Am 21. Juni ſchickte Anna Sophin, um des R. Sehnſucht nach Rudolſtadt zu befriedigen, Wagen und Pferde an R.(auch einen Dukaten zur Zehrung) und ſchreibt ihm:Die reiſe nach Dreſten anlanget wollen wir hier mit gewißheit ſchlieſſen, hoffen nach vnſer reiſe nach Altenburg ſollte fort gehen, vnderdeß köndet Ihr ein 8 tag wider Zu Jena ſein, vnd Euch der Camerath biß nach Greiz führen laſſen, vnd wir Euch dan mit auff Altenburg nehmen vnd von dorth auß nach Dreſten ſchicken woltten. R. reiſte wirklich Anfangs Juli 1630(mit ſeinem Diener Martin, welchen Anna Sophia am 9. Juli durch Kospot von Jena nach Rudolſtadt gefordert hatte) nach Dresden, und zwar mit einem Empfehlungsſchreiben der Gräfin Anna Sophia(d. d. Rudolſtadt 7. Juli 1630) an den Grafen Wilhelm Kinzky. Dieſer hatte um ſeines lutheriſchen Glaubens willen ſeinVatterland und Herſchaft zurückgelaſſen vnd ſich ſo lange zu Dreſten auffheltt, biß Gott andere einmal ſchicken möchte. Anna Sophia bat ihn, er möge R.s,dieſes vornehmen manß bedencken vernehmen, wie ſolche deß Hern Grafen fl Söhne, deſt ſchleuniger vnd ehr im waren erkendtnuß Gottes möge Auffgezogen werden, auch zu anderen Künſten vnd ſprachen, und möge R. guten Rath ertheilen. Ueber den Erfolg ſeiner Dresdener Reiſe liegt von R. keine Nachricht vor; dagegen ſchreibt Frau von Stubenberg am 26. Auguſt 1630 an Anna Sophia:Der guete alte her hat wenig geſchinen hir ym ſein ſahn verrichten. Der Aufenthalt in Dresden kann nur kurze Zeit gewährt haben.