Aufsatz 
Das Leben und die pädagogischen Bestrebungen des Wolfgang Ratichius : 4. Abteilung
Entstehung
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Fürſtenthums Weimar eingeführten(Kromayerſchen)neuen Lehrart beſchloſſen hatte. Kaum nach Weimar zurückgekehrt, ließ der Herzog den Superintendenten Kromayer alsbald einen beſonderen Bericht über die von demſelben im Weimariſchen eingeführte neue Lehrart erſtatten*) und als wenige Tage nach Empfang desſelben die Gräfin Anna Sophia trotz ihres körperlichen Leidens in Weimar eintraf, gelang es ihr auch die letzteren Bedenken, welche der Herzog gegen die von ihr dringend gewünſchte perſönliche Verhandlung des⸗ ſelben und ſeiner Gelehrten mit R. womöglich in Weimar aus dem Warmsdorfer Reverſe des Didaktikers ſchöpfte, zu zerſtreuen**), ſodaß Herzog Wilhelm am 30. October 1627mit Vorbewuſt ſeiner Brüder Albrecht und Ernst eine Einladung an R. ſchickte zu einer mündlichen Vernehmung nach Weimar***).

Am Mittwoch den 31. October 1627 langte R. in Weimar an und wurde nahe dem Schloſſe in der Apotheke einlogiert. Tags darauf wurde er früh um 8 Uhr in's Schloß entboten, und hier erinnerte ihn Herzog Ernst im Namen ſeines Bruders Wilhelm an ihre Rudolſtadter Abrede,weil man bedacht were im gantzen Fürſtenthumb Weimar die newe(Alſo genandte Lehrart) einzuführen vnd anzuordtnen, vndt Sie befenden, daß Sie ſolche noch nicht in Allen Stücken richtig hetten. R., aufgefordert, ſich dem Herzoge ferner zu entdecken, bat, ihm zuvor anzuzeigen,Wie ſie procedirten in Ihren ſchulen, wollte er ſein bedencken eröffnen. Alsbald darauf fand die Hauptverhandlung in Gegenwart des Herzogs Ernst ſowie der trotz ihres Unwohlſeins mittlerweile aus Rudolſtadt ebenfalls herbeigekommenen Gräfin Anna Sophia, auch des Kammerrathes von Kospot und des Hofpredigers M. Lippecher im Schloſſe ſtatt. Zuerſt legte Kromayer das Weimariſche ABCbüchlein dem Didaktiker vor und ſetzte die Art und Weiſe auseinander, wie man dasſelbe in der Schule behandele. R. erklärte hierauf,Er könne mit den Buchſtaben nicht Allerdingeß zufrieden ſein, Er hette es mit durchleſen deß gantzen Abc. beſſer befunden, Vnd were daß Cötniſche Büechlein beſſer darzu alß daß Weimariſche. Auch deß Er itzo zu Rudelſtadt brauchte, ſei bequemer. Doch were an Denſelbigen auch ſo viel nicht gelegen, wenn die Kinder nur fertig und wol leſen lerneten. Hiernächſt legte Kromayer den getruckten newen Methodus vor, wie Sie folgentz in der latheiniſchen ſprache auch mit der gramatica forthfahren. R. erklärte ſich hierüber dahin,Er erkenne etlicheß vor das Seinige aber nicht Alleß, Vnd ſo kein Ander Vorhanden, könne er mit demſelbigen nicht zufrieden ſein, vnd hatt darauff angezeiget(geleſen), Wie Er in der deutſchen Schule procedire, ſowol auch wie Er mit der latheiniſchen ſprache haltte hatt

*) Dieſen Bericht erſtattete Kromayer unter dem 21. September 1627 s. t.:Kurtzer Bericht, Was an dem Neuen SchuelMethodo gutes ſey, vndt wie hoch daran gelegen, Auf ſonderbaren gnedigen Befehl Vnſers gnedigen Fürſten vndt Herrn, Hertzog Wilhelms Fürſtl. Gn. unterthenig übergeben. Dieſer Bericht wird bei der Darſtellung des Ratichianismus in den Weimariſchen Landen abgedruckt werden. Dem Berichte war alles dasjenige beigelegt,waß vor 10 Jahren auf Hertzog Johan Ernſtens befehl in Druck außgangen. Kromayer gab ſich der Hoffnung hin, daß der Herzog aus demſelben erkennen werde,Waß für ein heilſames, gutes, nöttiges vnd nützliches Werck es ſei mit der neuen lehrart, vnd wie wol er daran thue, daß er daſſelbe, ſo viel müglich, befördere. Kromayer an den Herzog Wilhelm d. d. Weimar 2. Oct. 1627.

**) Sie ſtellte dem Herzoge vor, daß er für ſeine Perſonja niemalß mit zu thun gehabett, vnd hette man R.o in vielen vnrecht gethan, auch Er numer daß werck ſo wol gefaſt, erinnerte ihn an ſeiner verſtorbenen Mutter, der Herzogin Dorothea Maria, Treue und Wohlwollen gegen den Didaktiker und bat ihn dringend darum, daß er ſich nur einmal in eine perſönliche Unterredung mit dieſem einlaſſe. Vgl. Anna Sophia an Kospot d. d. 30. October 1627. Sie entbot den am Weimariſchen Hofe ſehr einflußreichen Kospot ebenfalls nach Weimar, damit er ihr behülflich ſei, dieſe Bedenken beim Herzoge zu zerſtreuen.

***) Der Herzog ſandte den Schulcollegen M. Joh. Mejer mit einem Wagen nach Rudolſtadt, um den Didaktiker ab⸗ zuholen. Ueber den Verlauf dieſer Weimariſchen Verhandlungen liegen zwei eigenhändige ausführliche Aufzeichnungen der Gräfin Anna Sophia vor: 1)Zugedencken Was Von den Hertzogen Von Weimar Anno 1627 iſt tractiret worden mit herrn Wolffgang Ratichio, wegen ſeiner lehrart; undBedencken, Waß vngefehr Hertzog Wilhelm Zu referiren ſein möchte.