Aufsatz 
Das Leben und die pädagogischen Bestrebungen des Wolfgang Ratichius : 4. Abteilung
Entstehung
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Leben Vnd Chriſtenthumb Alſo bezeiget, Daß wir Ihme nicht Alleine wol dülden können. Sondern noch biß Auff dieſe Stunde, von mein hertz Allerliebſten Herrn vnd mir Alle Gnade vnd beförderung erweiſen wird. Nachdem nun das Werk ſo weit in die Feder gebracht ſei, daß ein jeder verſtändige, chriſtliebende Menſch die Ziele desſelben und den von demſelben zu erwartenden großen Nutzen der ganzen Chriſtenheit, ſonderlich der Jugend, erkennen werde, und es dem R. nunmehr nur an getreuen gelehrten Gehülfen und chriſtlichen Patronen mangele, ſo ſchickt ſie in der Erinnerung, daß Herzog Johann Friedrich an der reinen unverfälſchten Augsburgiſchen Confeſſion tapfer feſthalte und für die hohe Schule zu Tübingen ſorge, dem⸗ ſelben vorbehaltlich der Rückſendung einige Arbeiten zur Lehrart des R., dabei auch das Gutachten des Mylius; die möge der Herzog durchleſen und erwägen, auch durch ſeinegeheimſten Leute prüfen laſſen und die Gräfin dann wiſſen laſſen, ob ſich bei ihm wohl geeignete und bereitwillige Mitarbeiter für R. finden möchten, und ob er geneigt ſeidieſes werckes Auch theilhafftig zu werden. Sie bittet aber um Geheim⸗ haltung jener Arbeiten,weil es noch vor kein volkomnes werck Außgegeben, Auch mehrentheils In der eile hat müßen Abgeſchreiben werden, vnd der Feindſchaft(Auß was Anſtifftung kan ein Iglich Chriſtlichs hertz erwegen) Viel hat, Auch dürch falſch berichten vnd Calumniren bißhero ſehr ins ſtocken gerathen iſt, weil Sich nicht ein Jeder darin ſchicken kan.

Welche Wirkung dieſes Schreiben gehabt hat, iſt nicht nachzuweiſen.

In ganz ähnlicher Weiſe wendet ſich die Gräfin am 26. Juni 1627 an den Herzog August zu Lüneburg. Auch über den Erfolg dieſer Verwendung fehlt es an Nachrichten.

Im Uebrigen liegen aus der Zeit vom Winter 1626//27 bis zum Herbſte 1627 nur ſehr wenige Briefe vor, welche ſo viel erkennen laſſen, daß auch in Jena wenig Hoffnung war*), daß ſelbſt die früher eifrigen Anhänger Entſchuldigungen für ihre Läſſigkeit ſuchen**) und mit Verſprechungen hinhalten***).

Gleichwohl wurde die Verbindung mit den Weimariſchen Herzögen im Herbſte des Jahres 1627 in viel verſprechender Weiſe wieder angeknüpft. Nach dem Tode des Herzogs Johann Ernst führte Herzog Wilhelm als der älteſte in der noch ungetheilten Landesgemeinſchaft bei der Regierung das Directorium und war nur in den wichtigeren Angelegenheiten gehalten, mit ſeinen Brüdern Albrecht, Ernst und Bernhard zu verhandeln; zu dieſen wichtigeren Angelegenheiten rechnete man insbeſondere auch die Religions⸗ und Kirchenſachen, ſowie die Pflege der hohen und niederen Schulen).

Als nun Herzog Wilhelm im Spätſommer des Jahres 1627 in Begleitung des Kammerrathes von Kospot die Gräfin Anna Sophia in Rudolſtadt beſuchte, wußte dieſe ihn, der ohnehin mit ſeinem Bruder Ernst in der Wärme des Intereſſes für das Schulweſen wetteiferte, für des R. Beſtrebungen ſoweit einzunehmen, daß er denſelben die erneute ſorgfältigſte Prüfung um ſo lieber verſprach, als er mit ſeinen Brüdern bereits die weitere Entwickelung und Ausdehnung der bis dahin nur in einzelnen Theilen des

*) Praetorius d. d. Jena 17. April 1627 an R. in Rudolſtadt:Dieſer Hrther wil man wenigk darvon heren ſonderen thudt mehrentheilß gentzlich in den Windt ſchlagen. **) Praetorius d. d. Jena 11. Mai 1627 an Anna Sophia in Rudolſtadt.

***) Praetorius d. d. Jena 16. Juni 1627 an Anna Sophia.Ich werde fleißig an revidirung der Tabellen alß Verfertigung der anbefohlenen disciplinen ſein, wann ich nur meineß decanatus, ſo allerhandt täglich mühe erreget, muß entlediget werden, und H. R. zukegen. Auch Gerhard wünſche, daß ſich R. eine Zeit lang in Jena aufhalte um auch mit Kospot zu communicieren.

) So ward es auch nachträglich durch den Hauptvertrag der Brüder vom 19. März 1629 beſtätigt. Vergl. Beck, Ernſt der Fromme. Weimar 1865. I. S. 52 f. 2*