Aufsatz 
Das Leben und die pädagogischen Bestrebungen des Wolfgang Ratichius : 4. Abteilung
Entstehung
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Daher ſuchte R. wieder die Adreſſe der Fürſten und Obrigkeiten und ſchrieb vom 2. bis zum 25. Juli 1626 zu Rudolſtadt eine Schrift, der er den Titel gabDolium Ratichi Allen Regenten vnd Obrig- keiten Deutscher Nation LehrArtig Vorgeweltzet. Rat. Symb. Gewohnheit Verſchwind, Vernunfft Veberwind, Warheit Platz find.*). In dieſer Schrift erinnert er unter Berufung auf verſchiedene Bibel⸗ ſprüche und einige Stellen aus Luthers Schriften alle Regenten und Obrigkeiten deutſcher Nation daran, daß ſie von Gott als Statthalter Gottes zum Wohle der Unterthanen eingeſetzt ſeien,(Sie ſeyn Vmb der Vnder⸗ thanen Willen Vnd nicht die Vnderthauen Ihrentwegen eingeſühret) und daß ſie, wie ſie ſelber untereinander treue Hüter und Wächter der beiden Geſetzestafeln und gottſelige, gelehrte und wohlerfahrene Leute ſein müßten, welche wiſſen, was zu zeitlicher und ewiger Wohlfahrt nöthig iſt, ſo auch die Verpflichtung hätten, dieſe Wohlfahrt bei ihren Unterthanen zu erſtreben. Der Zuſtand im deutſchen Reiche ſei ſeit geraumer Zeit ein höchſt zerrütteter und verderbter(beſonders in Folge des unordentlichen und hochſchädlichen Münzweſens und der ſteten und noch weitausſehenden Kriegsläufe), ſodaß dasſelbe wie ein baufälliges Haus erſcheine, welches täglich den Zuſammenſturz drohe. Ein baufälliges Haus ſuche ein verſtändiger Baumeiſter nicht nur zu unterſtützen, ſondern auch in ſeinem Fundamente auszubeſſern und zu befeſtigen. Der Grund aber des bau⸗ fälligen Weſens und aller Schäden im deutſchen Reiche liege in den Schulen; da müſſe unterſucht und dermaßen ausgebeſſert werden,daß die Vbereinſtimmung des Glaubens, der Natur Vnd Sprachen, dar Auff feſt könne gelegt Vnd Volkömlich Außgeführet werden. Alſo dann wehre ins künfftige, mit Cöttlicher Ver⸗ liehung Eine Rechtmeßige Vergleichung in allen Ständen Vnd Regimenten Zu hoffen. Denn gleich wie das Regiment iſt: Alſo Vnd nicht Anders müßen Auch die Schulen Angeordnet Vnd beſtellet ſein. Die hohen Schulen müßten von demEhrgeitzigen Vnd Zanckſüchtigen heiden Aristoteles, das Regiment von dem Gottloſen Barbariſchen Vnd Eigennützigen Tyrann Machiavellus befreit werden, wenn es dauernd beſſer werden ſollte.Sollen Aber die Chriſtlichen Schulen Alle Auff einen Vnbeweglichen felß, Vnd grund gebawet werden, So werden dieſelben meines Erachtens beßer nicht, Alsz in der wahren Glaubens, Natur vnd Sprachen Harmony, ausz H. Göttlicher Schrifft vnd Anderen bewehrten Büchern Ins Künfftige Anzustellen Zubefestigen vnd Zuerhalten sein, Wie Auß folgender entwerfung: obſchon dieſelbe noch Vnvollkommen: etlicher maßen Zu erſehen**). Wann ſolches durch die hohe Obrigkeit rechtmeßig befördert, Vnd Auch Zue Stande gebracht worden: So kan die Liebe Juggend Insgemein, kein einiges Kind Auſſge⸗ nommen, In der Furcht Gottes fein Chriſtlich Vnterrichtet Auch Zu Allen Ständen Vnd Ämptern düchtige Perſohnen Von Jugend Aufferzogen Vnd Recht abgerichtet werden.

ſelben tiefer in das Spezielle der Ratichiſchen Didaktik einzuweihen, und daß den übrigen Theologenalles ſo verhaſſet ſei, daf ſie auch mit keinen davon gedencken Zu discurriren, viel weniger des herrn meinung gründtlich Zu vernehmen, beſonderen nur sceptice alles thun excipiren vnd mich oft vnd vielmalf tecte durchziehen. Auch Praetorius ſelbſt kam mit ſeiner Arbeit in Arithmetik, Muſik und Revidieren der Tabellen nur wenig vorwärts. Auch verlor R. einen ſeiner älteſten Anhänger unter den Jenaer Profeſſoren, Brendel sen., am 26. Auguſt 1626 durch den Tod.

*) Dieſen Titel wählte er theils in Erinnerung an den Philoſophen Diogenes, welcher zu der Zeit, als die Korinther ſich eifrigſt bemühten, ihre Stadt gegen den heranrückenden König Philipp zu ſchützen, das Faß, welches ihm als Wohnung diente, den nächſten Hügel bei der Stadt auf⸗ und abwälzte, um nicht allein für einen Müßiggänger angeſehen zu werden, theils um ſeinen Widerſachern und den Spöttern zu zeigen, daß er noch vieles in ſeinem Faſſe habe und daß dieſesAuß dem Reinen, Claren Vnd Lebendigen Brunnen Iſraels dermaßen Angefüllet ſey, daß es biß an der Welt Ende nicht Zu erſchöpffen. Aus einer Stelle eines Briefes des M. Praetorius an Mylius vom 25. April(1626) läßt ſich vermuthen, daß R. mindeſtens den Plan zu der Schrift bereits im April 1626 gefaßt hatte. Die Schrift, obgleich ganz druckfertig, iſt zur Veröffentlichung nicht gelangt. Auf einem mit einem gezeichneten Faſſe gezierten Blatte ſteht der oben S. 3 mitgetheilte lateiniſche Titel.

**) Vermuthlich iſtDie Allgemeine Verfaßung Der Chriſtlichen Schule, vielleicht auch nur die oben III. S. 29*) erwähnte MagdeburgerOhngefehrliche Entwerffung ec. gemeint.