Aufsatz 
Das Leben und die pädagogischen Bestrebungen des Wolfgang Ratichius : 3. Abteilung
Entstehung
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begleitet ſehen will und die Forderung ſtellt, daßAlles zu einer Harmoney vnd einigkeit gerichtet ſeie, Alſo, das Auch in einer Kunſt nichtes, das der Andern zuwider lauffen möchte geſetzet werde; auch den Sprach⸗ unterricht nur in ſoweit erder Gottſeligkeit vnd gemeinem Weſen vertraglich zur Geltung kommen läßt. Welche Unterſtützung jene Partei von einer Lehrart erwartete, welche die Künſte und Sprachen in rechter Harmonie mit und in dem Glauben zu recht chriſtlicher Blüthe zu führen unternahm, erhellt aus dem Schreiben, welches Cramer am 18. Februar 1622 an die weltlichen Scholarchen richtete(ſ. u. S. 17).

So erblickten denn ſchon wegen der lebhaften Bemühungen ihres Collegen Cramer, R. bei dem Rathe und der Bürgerſchaft*) Magdeburgs zu empfehlen, die übrigen Geiſtlichen der Stadt in R. einen gefährlichen Bundesgenoſſen ihrer Gegner. Wenn ſie dazu bedachten, wie dieſer Neuerer den Satz auſſtellte und verfocht: die Erziehung der Jugend iſt einig Vnd alleine der Politiſchen Obrigkeit, ohne Jemands Eingriff, zuſtendig**), und damit die Schule dem Einfluſſe der Geiſtlichkeit zu entziehen drohte, ſo konnten ſie nicht anders, als Alles aufbieten, um den Didaktiker in allen Kreiſen der Bürgerſchaft herabzuſetzen und der Ausbreitung ſeines Unternehmens in Magdeburg entgegenarbeiten. Ihre Bemühungen nun, durch Verhandlungen in eigenen geiſtlichen Conventen der Stadtgeiſtlichen dem Paſtor die Unterſtützung des R. zu verleiden, waren vergeblich; denn Cramer ließ ſich in ſeinen großen Erwartungen von der heilſamen Wirkung der neuen Lehrart durchaus nicht irre machen und wies die Forderung, daß R. zuvor ſein Werk in allen ſeinen Theilen offen darlege, mit denſelben Gründen als völlig unberechtigt zurück, welche Werdenhagen in ſeiner kurz nach jenem Con⸗ vente erſchienenenWohlmeinenden Erinnerung hervorhob(ſ. o. S. 9). Und wenn ſie behaupteten, von R. würde die Jugend zu keinen freyen Künſten und Philosophiſchen studiis erzogen werden können, ſo blieben ſie, da ſie die Didaktik nicht kannten, eben den Beweis für dieſe Behauptung ſchuldig. Auch der Hinweis auf einzelne Mißerfolge der neuen Lehrart bei Magdeburger Knaben ſchlug nicht durch; denn jenen Knaben konnten andere gegenübergeſtellt werden, mit denen die neue Lehrart die glänzendſten Erfolge erreicht hatte***). Endlich war auch die Behauptung, daß des R. eigene Gelehrſamkeit nicht weit her ſei, nichts weiter, als ein Lufthieb. Denn R. hatte niemals behauptet, daß er alle die Sprachen, Wiſſenſchaften und Künſte, auf welche ſich ſeine neue Lehrart erſtrecken ſolle, ſelber völlig ſtudiert habe und gründlich verſtehe.

Da es den Geiſtlichen nicht gelang, R. auf dieſem Wege aus dem Felde zu ſchlagen, ſo ſuchten ſie einen anderen Angriffspunkt. Sie verſuchten es, den äußeren Nimbus zu zerſtreuen, welchen in den Augen der Magdeburger jene ſtädtiſchen und fürſtlichen Patronate dem Didaktiker liehen.

Unter dem 12. December 1621 wenden ſich diegeſambten Paſtoren vnndt Diaconi deß Ministerii Ecclesiastici zu Magdeburg an den Fürſten Ludwig zu Anhalt zunothwendiger ihres ambts Information mit der Bitte um Auskunſt darüber, was in dem Fürſtenthume Anhalt und in der Stadt Cöthen R.ſeinem fürgeben nach für erſprüeßliche würkung Seiner newen Lehrarth ſehen laßen und wie des R. Verhalten und Wirkſamkeit dort geweſen ſei.

Das vom 2. Januar 1622 aus Cöthen datierte Antwortſchreiben wiederholt im Ganzen, jedoch mit mehr Worten, den Inhalt des ſieben Monate vorher an den Rath der Stadt Magdeburg gerichteten Erlaſſes. Nur läßt der Fürſt dem Werthe der neuen Lehrart des R. diesmal ſoviel Gerechtigkeit widerfahren, daß er zugibt,Es könte die Lehrarth der armen iugendt zu gut mit Zuſammenſetzung der Obrigkeit vndt verſtendiger

*) Cramer unterließ es nicht, auch von der Canzel aus die neue Lehrart ſeinen Zuhörern auf das Wärmſte zu empfehlen. **) R. an den Rath zu Magdeburg d. d. 14. Juni 1622. ***) Vgl. Extract. Articulor. ete. vom Juli 1622 ad 47:Wahr, als h. R. von Sig. Hesse, D. Gilberto vnd M. Cotzebovio ſehr ſchimpflich gehalten vnd injuriiret worden, das er ihnen wieder vorgehalten vnd geſprochen, wan Sig. Hesse, Gilbertus vnd Cotzebovius herrn Dr. Edini ſeinem Sohn, welcher ein Knabe vngefehr von 8 oder 10 Jahren, im Terentio könten gleich thuen, ſo wolte er ſich todten laßen.