Aufsatz 
Das Leben und die pädagogischen Bestrebungen des Wolfgang Ratichius : 3. Abteilung
Entstehung
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Der Helmſtädter Profeſſor Daniel Hofmann(geb. c. 1540), ein Schüler der Univerſitäten Jena und Wittenberg, hatte die Theologie in Helmſtädt gefährdet geglaubt, ſeitdem dieſe Univerſität unter dem frei⸗ ſinnigen und hochgebildeten Herzoge Heinrich Julius(regierte ſeit 1589) durch Männer wie Johannes Ca- selius und Cornelius Martini den ausgeprägt humaniſtiſchen Charakter und die philoſophiſche Bedeutung er⸗ halten hatte, durch welche ſich dieſelbe von den übrigen lutheriſchen Univerſitäten auszeichnete. Mit großer Heftigkeit, Herrſchſucht und Anmaßung hatte derſelbe alle Anwendung der Dialektik zur Ergründung göttlicher Wahrheiten und alle Verſuche verworfen, über die heilige Schrift hinaus die Myſterien vermittelſt der ariſto⸗ teliſchen Schulphiloſophie relativ vernünftig zu machen. Durch ſein Auftreten hatte er ſich eine Anklage von der Facultät zugezogen und war zuletzt(16. Februar 1601) ſeines Amtes entſetzt worden*).

Die durch Hofmann angeregte Streitfrage bewegte noch längere Zeit die theologiſche Welt. Zu den⸗ jenigen, welche in dieſem Streite öffentlich Partei nahmen und denſelben durch Druckſchriften fortführten, gehörte auch der oben(I, S. 15 u. ö.) genannte Albert Grawerus, welcher 1611 einenlibellus de unica veritate(2. Ausg. Weimar 1618) herausgab, hauptſächlich, um die Philoſophie gegen den Vorwurf des Photinianismus und Calvinismus zu vertheidigen, und ſich mit demſelben in die Reihe der entſchiedenen Gegner Hofmanns ſtellte. Nach einer verhältnißmäßigen Ruhe von mehreren Jahren brach der Streit nach Hofmanns Tode um 1616 mit erneuter Heftigkeit in Helmſtädt wieder los; und zwar ſchürte ihn Wenceslaus Schilling, wahrſcheinlich Privatdocent der philoſophiſchen Facultät, durch einige Streitſchriften wieder an, in denen er den Werth der Philoſophie für die Theologie leugnete und erklärte, Erleuchtung und Eingebung des heiligen Geiſtes genüge zum Beweiſen und zu unfehlbarem Erklären des rechten, reinen und lauteren Verſtandes der Natur, der Art und der Sprachen der heiligen Schrift. Schilling wurde von der philoſophiſchen Fa⸗ cultät excludiert.

Nicht beſſer erging es dem weniger ſchwärmeriſchen Juriſten und Philoſophen Johannes Angelius von Werdenhagen. Er nahm den Kampf des inzwiſchen nach Magdeburg gewichenen Schilling durch mehrere (in Magdeburg 1618 im Druck erſchienene) Schriften mit Lebhaftigkeit wieder auf und erntete damit 1618 ebenfalls eine Anklage von der philoſophiſchen Facultät, Amtsentſetzung und Verweiſung aus Helmſtädt; er folgte Schilling nach Magdeburg und ſetzte nun hier mit dieſem gemeinſchaftlich die literariſche Fehde fort. Beide gewannen im Magdeburgiſchen manchen einflußreichen Anhänger(z. B. die Superintendenten Gottfried Wahr- mann und Sigwartus Garguthenius); den anſehnlichſten und rüſtigſten Mitſtreiter aber fanden ſie in dem Paſtor Andreas Cramer. Derſelbe ſtand in hoher Achtung wegen ſeiner Gelehrſamkeit, ſeiner dichteriſchen und redneriſchen Begabung. Seine Erfahrungen aus längerer Schulpraxis hatte derſelbe in einer 1618 er⸗ ſchienenen Erziehungs⸗ und Unterrichtslehre**) niedergelegt und durch ſeine Erwählung zum Scholarch auch

habe ich newlich nur ein wenig in geheim mit einem vornehmen doctoren theologiae vnterredung gepflogen, der hat mich zum hoheſten dafür gewarnet, ja ſo lieb mir meine Seligkeit were, ſolte ich ſolcher Leute müßig gehen, ihr wißet auch ſelber, daß ich etzlichemahl M. Probſten ſelber fürgehalten, Er ſolte ſich von dem Flacianismo vnd Enthusiasmo purgieren, vnd zeigen was an ihm zu thun were. Aber ſo weit habe ichs nicht können bringen. So viel vermerckt ich zwar woll, das er gahr gehrne die Habitualisten, wie er faſt alle Theologen thut nennen, vnd Ratichium mit ſeiner Didacticen verſchlingen wolte, wie ich ihm den auß des Crameri ſeiner verantwortung faſt ſelber höre reden. Welcher ſtreit gantz vnd gahr vnnötig geweſen, wan nicht der eine den Andern nur auß lauter Ehrgeitz zu vntertrücken vermeinte. Aber höret Ihr, Es wird der Aesculapius mit ſeiner Didactica in Kürtze, ſo Gott will, hervorkommen vnd offentlich zeigen, das Ihrer keiner in ſeiner Meinung recht behalten wird.

*) Hofmann erlangte zwar 1604 die Wiedereinſetzung in ſeine Profeſſur, verließ aber nach kurzer Zeit Helmſtädt wieder und ſtarb 1611 in Wolfenbüttel. Vgl. E. Schlee, Der Streit des Daniel Hofmann über das Verhältniß der Philo⸗ ſophie zur Theologie. Marburg 1862. 8.

**) M. Andreae Crameri anleitung, wie die Jugend von Kind auff recht vnd wol erzogen werden. Magdeb., Kirchner. 1618. 4. Vgl. Frankf. Meß. Katal. 1618. Herbſt. Daſſelbe erſchien 1622 zum zweiten Male, durch eineNachrede erweitert

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