Amtmann Philipp Emmerich Itter den Fürſtlichen Befehl, R. alsbald in das Schloß zu Warmsdorff„In daß gemach gegen der Thafellſtuben vber“ zu bringen,„vndt aldar mit lager, auch midt nottürfftiger Speiſe vnndt Thranck(darunter ein Mas Francken Wein gerechnett) zu verſehen, Er aber, Ratichius, aus derſelben custodi oder gemach gantz nicht gelaſſen werden, Pappier, Feder vnndt Dinte, ſonſten nichts, Ihm hinein⸗ gegeben, die ſchreiben, ſo er thun möchte, von dem hierzu beſtellten Wächter, welcher darauff zu vereiden, angenohmen, aber Ins Fürſtliche Hofflager alſobalten eingeſchickt, vnndt im Vbrigen alſo verwahrett werde, daß er von nicht abhanden, viel weniger Jemandes ohne Vorbewuſt ſeiner F. G. zu Ihme kommen, ſonſten aber ſeine gute gelegenheidt haben möge“*).
§. 12.
Ratichius Gefangenſchaft(5. October 1619 bis zum 22. Juni 1620).
Dieſer Befehl kam noch in der Nacht vom 5. auf den 6. October zur Ausführung; R. wurde, als er Abends zwiſchen 9 und 10 Uhr mit M. Henselmann und dem Mundſchenk Adam Heideler nach dem Schloſſe heimkehrte,— er war bei einem Studenten Chph. Oehlers zu Gaſt geweſen— von dem Amtmann feſtgenommen, mit Henselmann in den bereitſtehenden„Himmelwagen“ geſetzt und über Nienburg nach Warmsdorf gebracht. Unterwegs erging er ſich Anfangs in ſeiner durch den reichlichen Weingenuß— er war „ſehr beſchenkt“, berichtet der Amtmann— geſteigerten Erregung in heftigen Reden über die ſchmachvolle Behandlung, die ihm in Cöthen nun auch noch von dem Fürſten widerfahren ſei, wünſchte die„pfafenn zue Cöthen“ und„M. Walter den ſchellm“ zum Teufel und ließ nur der Ehrlichkeit des v. Freiberg und des M. Wolf Gerechtigkeit widerfahren; ſpäter, als„er nun vollends vom rauſch kommen“, ſank ihm der Muth, und er war der Verzweiflung nahe. Gleich nach ſeiner Ankunft in Warmsdorf ſchrieb er zwei klägliche Briefe; in dem einen bittet er den Fürſten inſtändigſt, er möge ihm„vmb Gott vnd der lieben Jugent Willen“ verzeihen, wenn er ihn„ergent mit Worten oder Wercken in ſeinem vnzeitigen Eifer offendiret“ habe; denn er habe ſolches„nicht Auß fürſatz, ſonder Auß lauter Vngedult, darinnen er dieſe gantze Wochen vber die maßen verdrießlich gelebet, gethan“; ſo möge der Fürſt von ſeinem Zorne laſſen und ihn von dem Schimpfe befreien, damit die Leute nicht dächten,„das Werck der Lehrart werde nicht richtig befunden.“ Noch demü⸗ thiger und verzagter bittet er in dem zweiten Briefe die Gemahlin des Fürſten„Alß ſeine hocherwehlte Fraw Mutter“, ſich ihres„Pflegeſohns“ anzunehmen und bei ſeinem„herrn Vatter“ Fürbitte zu thun, daß dieſer ihm ſeinen unzeitigen Eifer in Gnaden väterlich verzeihen wolle. Derſelbe wiſſe ja recht wohl, wie er in Heftigkeit und Eifer oft rede, was ihm alſobald leid ſei.„Alle meine lidmaten zittern und beben“, ruft er aus,„Ich kan wegen großer bekümmernüß weder eßen noch drincken, Ja meine Seel iſt betrübt biß In den Todt. Ach du mein Gott, das Ich meiner Ehren vnd Wolfahrt ſo erbarmlicher Weiß gar bin beraubet worden! Iſt das die Ehr, damit ich von meinen Patronen ſoll gekrönet werden? Iſt das die Große Verheißung, ſo ſie alweg gethan? Iſt das die beferderung, ſo bey Chur vnd Fürſte zu thun ver⸗ ſprochen? Iſt das zu der Autoritet geholffen? Ach meine hertz Aller liebſte Fraw Mutter, Ich kan für großer Angſt meines hertzen nicht mehr ſchreiben, meine trenen thue Ich vergießen, werde Ich nicht balde getroſtet, vnd krige meines herrn Vattern Angeſicht wiederumb zu ſchawen, ſo iſts vmb mich geſchehen.“
*) Fürſt Ludwig ſchickte R. eine Bibel mit nach Warmsdorf, in welche er folgende Worte eingeſchrieben hatte:„Dieſe Bibell ſchencke ich Wolfgango Ratichio, von hertzen wünſchende, das er darin mitt andachtt leſen, ſeine ſünde erkennen, bereuen, ſich beſſern, vnd nicht mehr den geiſt der lügen, verleumbdung vnd verwirrung, als dieſe tage vnd mehrmals geſchehen, leiten vnd fhüren wolle laſſen. Amen. Geſchrieben zu Cöthen den 5. October 1619.“


