Aufsatz 
Das Leben und die pädagogischen Bestrebungen des Wolfgang Ratichius : 1. Abteilung
Entstehung
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1 und nicht undeutlich zu erkennen gab, daß eine erſte größere Probe mit R.'s Didaktik in Gießen gemacht werde, verfolgte Helvicus den von ihm gewiß ſchon in Weimar mit R. verabredeten Plan, zur gemeinſamen Vorbereitung des ganzen Ratichiſchen Vorhabens ſich und noch einen oder mehrere Gießener Proſeſſoren nach Frankfurt zu R. deputieren zu laſſen.

Der Landgraf aber hatte trotz der Rathſchläge ſeiner Profeſſoren und des dringenden Anliegens der Weimariſchen Fürſtinnen*) bei aller Geneigtheit für R.'s Beſtrebungen keine Luſt, der Herzogin Dorothea Maria und dem Pfalzgrafen vorzugreifen und gab einer bedachtſameren Unterſtützung des Didaktikers den Vorzug**). So bedurfte es erſt der erneuten und aufs Lebhafteſte geführten ſchriftlichen und mündlichen***) Verhandlungen zwiſchen R. und den Gießener Profeſſoren, bis ſich der Landgraf auf das wiederholte Anliegen des Helvicus(insbeſondere vom 22. Juni 1613) entſchloß, am 30. Juli 1613 an Helvicus und Jungius den Befehl zu erlaſſen, ſich auf 14 Tage zu R. nach Frankfurt zu begeben, umdieſes Wercks grundt in acht zu nehmen vnd zu erfahren, und dann zu berichten,wie daſſelbige alsdann auch bei der Vniverſität Gießen anzuſtellen vnd zu practiciren ſei.

Jungius war dieſem Befehle ſchon zuvorgekommen, hatte ſich ſchon Anfangs Juli nach Frankfurt begeben und ſeit dieſer Zeit die Sache ſoweit unterſucht und ſo wohl begründet gefunden, daß er den lebhafteſten Wunſch hegte, auf wenigſtens ein halbes Jahr zu R. beordert zu werden, ummit etlichen Sprachen das Werck anzufangen. Durch Vermittelung der Herzogin Dorothea Maria und die Empfehlung der Profeſſoren Mentzerus und Winckelmann erreichte er beim Landgrafen, was er gewünſcht hatte. Am 24. Auguſt 1613 trafen Jungius und Helvicus zu längerem Aufenthalte in Frankfurt bei R. ein. Helvicus verpflichtete ſich Tags

darauf, wie Jungius ſchon bei einer früheren Anweſenheit am 7. Juni 1613 gethan hatte, dem Didaktiker 1 gegenüber ſchriftlich,Erſtlich nichts einzufüheren von ſeiner Lehrkunſt ohn ſeine Bewilligung; Zum Andern

nichts dauon Inn Truck zu geben ohn ſeine Bewilligung; Letzlich keinem den modum in specie zu offenbahren, ohn ſeine Bewilligung). Ja Jungius fügte dieſem Reverſe noch die Erklärung hinzu, daß erlieber ſeine Profeßionsbeſtellung fahren laſſen vnd vf aignen koſten Inn verfertigung des wercks, lieber einen fleißigen Mitarbeiter als müheſigen Zuſeher geben wollte.

Die drei Männer gingen friſch an die Arbeit, und zwar R. ſelbſt mit allem Eifer an die Fort⸗ ſetzung ſeiner Bearbeitung resp. Anordnung von Luthers deutſchen Schriften, namentlich auch von deſſen Briefen, eine Arbeit, mit welcher er, zum Theil unter Beihülfe des M. Zolner, bis zu Neujahr 1614 zu Ende zu kommen hoffte). Daneben war er mit der Fertigſtellung einer hebräiſchen und einer deutſchen Grammatik beſchäftigt.Mein Werck, ſchreibt er im November 1613 an Gräfin Anna Sophia, habe Ich mit

*) 21. April 1613. Die beiden fürſtlichen Frauen in Weimar ſetzten mittlerweile mit dem Fräulein Reuss ihre Studien unter Sam. Gualtherus Anleitung nach des R. Didaktik fleißig fort, correſpondierten eifrig mit ihrem alten Lehrmeiſter, blieben mit den Jenenſer Profeſſoren Grawerus und Gualtherus in lebhaftem Verkehr über die neue Lehrart(Intereſſant iſt ein Brief des Gualtherus an Anna Sophia ganz in Terentianiſchem Stile vom 19. Mai 1613) und unterließen es nicht, bei ihren fürſtlichen Verwandten das einmal geweckte Intereſſe durch Briefe zu erhalten.

**) Nach einer handſchriftlich aufgezeichneten Bemerkung Jungius hielten den Landgrafen auch die überhäuften Staats⸗ geſchäfte ab, dieſe Angelegenheit mit dem rechten Nachdrucke zu unterſtützen. Guhrauer l. l. S. 26.

***) Anfangs Juni 1613 war Jungius einige Tage bei R. in Frankfurt; kurz darauf wohnte R. der Promotion des Helvicus in Gießen bei und wußte bei der Gelegenheit den Kreis ſeiner Gönner unter den Profeſſoren der dortigen Univerſität zu erweitern(Profeſſor Winkelmann und Horst).

) Den gleichen Revers ließ ſich R. von einem jeden ausſtellen, welchem er genauere Einſicht in das Weſen der von ihm erfundenen Methode geſtattete.

††) Die Werke Luthers wurden ihm durch die Herzogin Dorothea Maria von Weimar in Jena mitgetheilt. Mitte Januar 1614 ſchickte er auch ſeine Arbeit an Dorothea Maria, daß ſie dieſelbe durch eine vertraute Perſon durchſehen, revidieren und collationieren laſſe. 3*