Aufsatz 
Reste der Alliteration im Nibelungenliede / von O. Vilmar
Entstehung
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2 einleitung.

gegenwärtiges zil, es auszusprechen, dasz durch das bis ietzt gegen Lachmann vorgebrachte noch kein neuer sicherer boden für eine wiszenschaftliche betrachtung des Nibelungenliedes gewonnen ist, dasz ich also, bisz disz geschiht, der ansicht bin, Lachmann habe das richtige gesehn, wenn er annam, dasz das Nibelungenlied(und zwar in der gestalt, die uns die handschrift A bietet) aus einzelnen liedern entstanden ist. über die ursprüngliche form diser lieder kan kein zweifel sein das Hildebrandslied zeigt si uns sicher: si war alliterierend. wenn es von Hildebrand ein alliterierendes lied gab, warum solte es nicht auch zu derselben zeit lieder in derselben form gegeben haben von seinem herrn Dietrich, warum nicht auch von Sigfrid, von Hagen und Volker? dise lieder sind uns dem inhalte nach in dem Nibe- lungenliede, wie wir es ietzt haben, erhalten, soweit si nicht als einzelne lieder stehen bli- ben, wie das lied vom hürnen Sigfrid, von Ecke u. a. ist uns aber der inhalt diser alliterie- renden lieder erhalten, so ligt die vermutung nahe, dasz auch von der Form derselben uns manches, wenn gleich nur trümmerweise, verborgen unter der später hinzugekommenen form des reims überlifert ist. wider eine solche vermutung kann als hauptgrund geltend gemacht werden die länge der zeit, welche zwischen dem aufhören der alliteration und der abfaszungs- zeit des Nibelungenliedes ligt. wir haben allerdings nach dem jare 850 kein gedicht mer in alliterierender form, dreihundert fünfzig jare also vor dem zustandekommen unseres liedes. aber wärend die geistlichen sich von der deutschen dichtung und namentlich von der als heid- nisch verschmäheten alliteration abwendeten, kann das volk die alten lieder auch noch in der alten form fortgesungen haben und die zaubersprüche die Waitz in einer handschrift des 10. jarhunderts fand, beweisen uns die erhaltung der alten form in ganz unveränderter weise. tauchen doch in dem hexenwesen des sechzehnten jarhunderts, dreihundert jare nach dem Nibelungenlied, formeln auf, die irem ursprung nach auf das neunte jarhundert zurückweisen. allerdings ist wol nach 850 neues auch vom volke nicht mer in der alten form gedichtet worden, aber das alte wird um so treuer bewart worden sein. denn treue ist eine haupteigen- schaft echter ungetrübter volkstradition. wenn es noch in neuer zeit möglich ist, dasz ein märchen in prosa auch den worten nach one einen zasatz von geschlecht zu geschlecht sich erhält, wenn wir sehen, wie rechte märchenerzäler noch in unserer zeit auf die getreue über- liferung der worte ein groszes gewicht legen(wie die märchenfrau der brüder Grimm), wie vil mer kraft der bewarung müszen wir einer zeit zuschreiben, in der das volksleben noch frischer war, als ietzt, in der das gedächtnis noch nicht durch vilerlei erlerntes abgeschwächt, noch nicht durch das vertrauen auf gedrucktes und geschribenes gestört, die freude an den alten volkshelden noch ungeschmälert und ungetrübt war. die erhaltung einer poetischen form, wie der alliteration ist der natur der sache nach weit leichter, als die erhaltung einer prosaischen erzälung. keine form aber ist für die bewarung so geeignet, wie gerade die alliteration.

iede andere form der poesie, auch der reim, ist mer oder weniger von auszen dem inhalte