Aufsatz 
Isaak Casaubonus : aus den Bekenntnissen dieses protestantischen Gelehrten des XVI. und XVII. Jahrhunderts / von Alexander Vial
Entstehung
Einzelbild herunterladen

36

erlassen hatte, in welcher der Papst als Stellvertreter Gottes auf Erden gefeiert wurde und welche der Jesuit Fronton dem Casaubonus ganz besonders zu lesen empfohlen hatte, da liess er diesem keine Ruhe, bis er die Gelegenheit ergriff und Fronton in einem ziemlich ausführlichen Sendschreiben vom 2. Juli 1611 antwortete. Der sonst allem Streiten abgeneigte Mann liess sich hierzu bewegen, weil er stets ein Gegner derpäpstlichen Tyrannei noch immer unter dem Einflusse des Schmerzes und der Entrüstung über die Ermordung seines Mäcen stand. Er entledigte sich des Auftra- ges, indem er mit aller Ruhe und Mässigung den Anteil näher nachwies, den die da- mals wieder besonders cultivierte Lehre vom Papste als dem Stellvertreter Gottes und Herrn über alle weltliche Herrschaften an den beiden Königsmorden in Frankreich und an den nie endenden Conspirationen gegen die protestantische Regierung Eng- lands gehabt hatte, insbesondere aber die verderbliche mit jener zusammenhängenden Lehre der Jesuiten, namentlich Marianas, vom Fürstenmord aus ihrer zweideutigen Verhüllung mit unerbittlicher Logik bloslegte und verurteilte 1). Noch grösseren Anteil hatte der König an einem andern Sendschreiben, welches Casaubonus am 9. Novem- ber 1612 an Cardinal du Perron richtete. Zu der darin enthaltenen Abhandlung, welche ausführte, dass Allen, welche das apostolische, nicänische und athanasianische Sym- bolum als ihr Glaubensbekenntnis betrachteten und sich an die Lehren und Institutionen der ersten vier Jahrhunderte hielten das Prädikat katholisch nicht abzusprechen sei, und sodann die reale Präsenz Christi im Abendmahl, das Messopfer, die Fürbitte für die Gestorbenen und die Anrufung der Heiligen bestritt, hatte Casaubonus nur die Briefform gegeben, alles Andere stammte wörtlich vom Könige selbst. Als nun über diese Verleihung seiner Feder an den König sich sowohl unter den eifrigen Puritanern in Frankreich und England wie unter den Katholiken grosser Aerger Luft machte, da hätte er sich wol schon darüber mit dem billigenden Lobe eines Heinsius und Hugo Grotius hinwegsetzen können, wenn er selbst nur von dieser Art literarischer Thätig- keit mehr Befriedigung gehabt hätte. Allein er konnte es nicht genug beklagen, dass über diesen Controversschriften, wenn sie auch vielleicht zur Erbauung der Kirche beitrügen, seine eigentlichen philologischen Studien, zu denen er in England Musse

¹) Jene Lehre hielt allerdings nur die Ermordung der Tyrannen für gerechtfertigt; allein es kommt hierbei Alles auf den Begriff eines Tyrannen an. Casaubonus weist nun nach, dass nach da- maliger katholischer Auffassung jeder Fürst für einen Tyrannen gehalten werde, der seine Herr- schaft nicht aus des Papstes Gnaden führe.