dieser Majestät Gottes gegenüber in seiner verschwindenden Unbedeutentheit fühlte, so verstummte sein Mund oft vor Dankbarkeit, wenn er bei den jährlichen Neujahrs- betrachtungen der Förderungen seines Lebens als ebenso vieler Wolthaten gedachte, womit ihn Gott überhäuft habe. Aus demselben Grunde war er aber auch anderer- seits so empfindlich für seine eigenen Schwächen und Säünden, dass er in deren Bekenntnis sich ebensowenig genug thun konnte. So wenn er schreibt:„O dass ich doch mit hartnäckigem Sinne darauf hinarbeitete mein Leben zu bessern. Wie oft ist es geschehen, dass zwar eine gerechte aber doch zu heftige Indignation mich in die grösste Bekümmernis versetzte. Aber Du, o gütigster Gott und Vater, hast mir dadurch die Ohnmacht meines Geistes und meiner Zunge im Zorne immer fühl- barer machen wollen. Das erkenne ich und bitte demütig, Du wollest mir fortan bei- stehn. Bewahre mich und lege meinen Affecten Zügel an. Denn so ist mein Gemüt beschaffen: Jemanden, ohne dass ich gereizt werde, Schimpf und Unrecht anthun will ich niemals, dessen bin ich mir, Gott sei Dank, bewusst. Aber das ist nicht genug; jenes vielmehr vermisse ich, dass sich mein Gemüt in allen Lagen dieses Lebens an die Geduld gewöhnt, dass ich mit schlechten wie mit braven, mit bösen wie mit guten Menschen immer gleichmütig verkehre, kurz dass ich bei Erleidung von Unrecht stets ohne Bissigkeit oder wenigstens ohne grosse Gemütsbewegung gerüstet dastahe. Ei- nen solchen Sinn wollest Du mir geben, o Herr!*¹)
Daher kam es denn, dass er, wie gute Menschen überhaupt, dann und wann, wenn er aus seiner Bücherwelt heraustretend die Bosheit, den betrüglichen Sinn und die Teuschungen derer, denen er Besseres zutraute, erfuhr, wol etwas aufbrausen konnte, sich aber im Ganzen eine Mässigung bewahrte, welche von den Besonnenen bewundert, von den leidenschaftlichen Parteigängern oft bitter getadelt wurde. So oft er sich anschickte mit einem Glaubensgegner zusammenzukommen, gelobte er sich jedesmal erst an, im Disput mit ihm kein Wort zu viel und keins zu wenig und eben- sowenig ein beleidigendes zu äussern; und in Bezug auf die Behandlung von wissen- schaftlichen Gegnern konnte er mit Recht von sich gestehen:„lch wenigstens bin der nicht, der einen von einem Gelehrten zufällig etwas unvorsichtig oder unüberlegt gemachten Ausfall gleich übel auslegt und zum Beweise der Bosheit benutzt. Einem
¹) Eph. I. P. 293.


