Aufsatz 
Alexander Vinet, seine Wirksamkeit und seine Bedeutung als Literarhistoriker
Entstehung
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wurde zum Prediger ordinirt und verheirathete ſich(im October 1819) mit ſeiner Couſine, worauf er nach Baſel zurückkehrte, um daſelbſt ſeine Wirkſamkeit fortzuſetzen. Dieſe war anfänglich eine ſehr mühſame und anſtrengende, da er neben dem Unterrichte in der franzöſiſchen Grammatik, Rhe⸗ torik und Literaturgeſchichte auch häufig predigte. Allein ſeine Thätigkeit wurde bald zeitweilig unterbrochen durch einen Unglücksfall, der ihm für die ganze Folgezeit ſeines Lebens ein ſchmerzliches Gebrechen hinterließ. Doch ließ er ſich nicht abhalten, zur Vertheidigung ſeines verehrten Lehrers, des Dekan Cürtat, wider deſſen exaltirte Gegner das Feld der Polemik(1821) zu betreten, deren heftige Angriffe er mit beredten Worten und jugendlichem Feuer zurückwies. 1823 richtete er ein Sendſchreiben an die Geſellſchaft für chriſtliche Moral in Paris, worin er die Einheit der chriſtlichen Moral und des chriſtlichen Dogmas nachwies. Mit der ſchon bewährten Freimüthigkeit und Unerſchrockenheit trat er als Kämpfer für die Denk⸗ und Glaubensfreiheit auf, nachdem dieſelbe durch das Staatsge⸗ ſetz vom 20. November 1829 im Waadtlande in Frage ge⸗ ſtellt war. In ſeiner Denkſchrift über dieAchtung vor den Meinungen verlangte er nachdrücklich, daß man letz⸗ tere zuvor prüfe, ehe man ſie verwerfe, oder lieber ganz darüber ſchweige; daß man wohl die Irrthümer bekämpfen, allein die Aufrichtigkeit nichtsdeſtoweniger ehren, überhaupt aber durch kein blindes, unduldſames Geſchrei jede andere Stimme erſticken ſolle. Wir führen aus derſelben folgende gewichtige Worte an:Kann man die moraliſche Gewißheit vorſchreiben und aufzwingen? Nein, weil es der Natur zu⸗ widerläuft, weil dieſe nicht mit der Eigenſchaft der augen⸗ ſcheinlichen Erkenntniß bekleidet iſt, welche die Ueberzeugung einer jeden geſunden Intelligenz erzwingt. Man darf ſie