Aufsatz 
Festrede zur Schillerfeier
Entstehung
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Gott ist. Darin liegt die Gefahr des Aufhebens jeder kirchlichen Gemeinschaft:Welche Religion ich bekenne? Keine von allen, die Du mir nennst. Und warum keine? Aus Religion. Das ist logische Konsequenz, die praktische wird freilich immer wieder zur Gemeinschaft hintreiben.

Und bei aller Absage an die historische Form der Religion hat kein anderer Dichter eine so nach- haltige positive religiöse Wirkung hervorgebracht wie gerade er, und zwar besonders unter denen, die der Kirche nicht mehr erreichbar waren. Hier ist er Priester und Prophet, und in diesem Provisorium wird er herrschen, bis es der Kirche gelungen ist, die Macht ihres Geistes auch hier endgültig zu erweisen. Wir dürfen es geradezu als eine Fügung der Vorsehung betrachten, dass er uicht in den Mauern der Kirche und mit der Sprache Kanaans gepredigt hat, sondern in der weiten Halle unter dem blauen Himmelsgewölbe in seiner eigenen Sprache. Keine Frage: Im tiefsten Grunde ist Schillers Predigt dem Evangelium Christi nahe verwandt; den, der sich tiefer in die Welt seiner Gedanken und Gefühle hineinzuarbeiten sucht, den sieht nicht selten plötzlich eine wohlvertraute Gestalt aus den Evangelien wie mit Kinderaugen an; in wie fremdem Gewande der Gedanke auch oft auftritt: unter der philosophischen schweren Panzerrüstung erkennen wir den Ritter Georg, der dem Drachen des Unglaubens und der Unsittlichkeit zu Leibe geht. Es finden sich bei Schiller die wesentlichsten Gedanken des christlichen Glaubens wieder: Gott der lebendige heilige Wille, der unendliche Wert der Menschenseele, der Dualismus zwischen Geist und Sinnlichkeit, der Besitz der ewigen Güter im Glauben und nur im Glauben, die Liebe die Kette, die die Geister verbindet. Wir finden denselben fröhlichen Optimismus in der Gesamtauffassung des Lebens, mit derselben dunkeln Folie der Askese, und dieselbe zuversichtliche Hoffnung auf endgültige gnädige Erlösung von der Angst des Irdischen. Die Verwandtschaft der Predigt Schillers mit dem Evangelium würde noch deutlicher hervortreten, wenn Schiller sich nicht so ängstlich bemüht hätte, christliche Ausdrucksweise zu vermeiden. Darin ging er noch weiter als Goethe. Aber im Grunde können wir auch dafür nur dankbar sein: wir wissen alle aus eigener Erfahrung, dass der stereotype Gebrauch derselben Terminologie in der Andacht etwas Einlullendes hat und den bequemen Menschen dazu verführt, sich schliesslich nichts mehr darunter vorzustellen. Dem Lehrer, und besonders dem Lehrer der Religion, kann dies Verjüngungsbad der Begriffe nur willkommen sein. Durch die Gegenüber- stellung fällt ein helles Licht auf die christliche Terminologie; durch Vergleichung geht dem jungen Geist ihr tiefer Sinn auf; was er bisher als leeren Begriff besass, füllt sich ihm nun mit Anschauung und wird erst jetzt sein eigen. So lernt er, was so bitter schwer ist, unter der Hülle der Begriffe die Dinge, wenn nicht zu sehen, so doch zu ahnen, lernt, dass das Reich Gottes nicht steht in Formeln und Begriffen, sondern in der Gesinnung. Auch am Herzen des Schülers bezeugt sich die Macht von Schillers religiösem Geist und seiner sittlichen Persönlichkeit, die so etwas wie das Gewissen der Nation geworden ist. Das Leben dieses Mannes bietet in der Tat ein wunderbares Schauspiel fortschreitender siegreicher Erhebung über alles Sinnliche, Materielle, Allzumenschliche, ein wunderbares Schauspiel fortschreitender Vergeistigung und Versittlichung.Hinter ihm im wesenlosen Scheine lag, was uns alle bändigt, das Gemeine. Das Irdische reichte nicht mehr bis an seine Seele. Aus den dunkeln Gründen dieses Tales hat er seinen, Blick immer unverrückt auf das Ewige gehalten und das ihm reichlich zugemessene Teil bitterer Leiden mit einer heiteren Ergebung getragen, die allein schon uns hinreichend Zeugnis geben würde von seinem felsenfesten Glauben an die Wesenheit der Ideale, in denen sich ihm Gott geoffenbart hatte.Ich weiss gewiss, dass er mich in seinem Herzen trägt hat er einmal einem Freunde geschrieben, und Goethe hat von ihm gesagt, es sei etwas Christusähnliches in ihm gewesen.

So dürfen wir uns getrost mit unsern Schülern zu den Füssen dieses Mannes niedersetzen, und wenn auch der Strom seiner Dichtung manchmal durch ein Gelände fliesst, das mehr ein schönes] Heiden- land als eine Provinz der Kirche zu sein scheint: wir dürfen uns doch dem Strome ruhig anvertrauen, er hat seinen Ursprung genommen in dem Quell seines christlichen Vaterhauses und mündet ein in den Strom, der zu ewigem Leben führt. Was Schiller an Lebenskräften der Kirche verdankt, liegt klar vor aller Augen; wieviel die Kirche auch ihm verdankt, wird sich erst nach abermal hundert Jahren aus- machen lassen. Vielleicht wird dann auch in seinem Sinne die Kunst mehr gewürdigt sein als eine frohe Botschaft Gottes an die Menschen und ihren Platz finden im Diensfe Gottes, zur Ehre Gottes und Auf erbauung der Menschen.