Aufsatz 
Festrede zur Schillerfeier
Entstehung
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Der Herr Minister hatte je 1 Exemplar des Briefwechsels zwischen Schiller und Körner, von WychgramsSchiller, E. MüllersSchillerbüchlein, LinnhardsSchiller, E. Müllers Schrift:Schiller, Intimes aus seinem Leben, demSchillerbuch der deutschen Dichter-Gedächtnis-Stiftung und 25 Exemplare von Ottos SchriftWarum feiern wir Schillers Todestag? der Anstalt zur Verteilung unter die Schüler überwiesen. Die Festrede von Herrn Oberlehrer Dr. Marseille behandelte Schillers Stellung zur Religion.

Nach einem einleitenden Wort über die Bedeutung des 9. Mai für das ganze deutsche Volk in allen Schichten und Ständen, das in Schillers gewaltiger Persönlichkeit gleichsam einen National- heiligen verehrt, geht der Redner zu dem über, was nach diesem Ausdruck das Geheimnis von Schillers Kraft und Wirkung war, zu seiner Religion.

Zunächst zeigt er die Ursprünge von Schillers religiösem Leben auf in seinem altschwäbischen frommen Vaterhause, wo neben dem ernstgläubigen Vater namentlich die zarte, gefühlvolle Mutter den Keim religiösen Lebens in die empfindsame Seele des Knaben senkte. Daneben war der strenge, ehr- würdige Pfarrer Moser aus Lorch von Einfluss. Den Zukunftsplänen, welche ihn auf die Kanzel führen wollten, entriss ihn der Herzog Karl Eugen auch gegen den Willen des Vaters, indem er den 14jährigen in die Karlsschule aufnahm, welche nicht auf das Studium der Theologie vorbereitete; noch lange aber galt seine Neigung dem Amt des Pfarrers und Religionslehrers. Erst als die Karlsschule nach Stuttgart übersiedelte und Schiller das Studium des Ius mit dem der Medizin vertauschte, vollzog sich eine radikale Anderung in ihm. Von Klopstock ging er zu Wieland über, aus der Welt der Engel und Seraphim, der Entzückungen in Gott in die der Grazien und Nymphen und der Entzückungen der Sinne. Während seine Seele sehnsüchtig nach Neuland ausschaute, hörte er mit Jubel Rousseaus Evangelium und wandte sich der schottischen und englischen Philosophie zu. Hier verband sich das Ideal der allgemeinen Menschen- beglückung und Menschenliebe, der im Menschlichen gründenden, selbständigen Moral mit der Abneigung gegen Theologie und Kirche. Hierher nahm er vor allem den Gedanken von der Identität des Wahren, Guten und Schönen, sein nunmehriges Glaubensbekenntnis. In derselben Richtung wirkten die Popular- philosophie und sein Fachstudium der Medizin auf ihn. Damit war Schillers religiöse Entwicklung ab- geschlossen. Er hat ihr keine Anderung mehr gestattet.

Seine Ausserungen über Religion sind spärlich. Je älter er wird, um so mehr meidet er sie, zum Teil aus kluger Zurückhaltung, zum Teil aus fehlendem Interesse an theologisch-kirchlichen Fragen. Seine Briefe bieten wenig. Seine poetischen Schöpfungen sind für diese Fragen auch kaum auszuholen, weil Schiller hier im Gegensatz zu dem in seinen Gestalten sich selbst gebenden Goethe die Gestalten seiner Dichtungen von sich loslöst, objektiv hinstellt.

Das Ergebnis der religiösen Entwicklung Schillers ist, auf eine kurze Formel gebracht, das: Schiller steht auf dem Boden der Aufklärung: Gott, Pugend und Unsterblichkeit, das ist der Inhalt seines Glaubensbekenntnisses. Damit steht er nicht mehr aut dem Boden der Kirche, und das betätigt er auch äusserlich. Was sein Verhältnis zu Christus angeht, so hat er wohl Ehrfurcht, gegen das Ende des Lebens immer inniger und tiefer werdende Ehrfurcht vor dereinen heiligen Gestalt des Stifters der Christus- lehre, aber nicht den Glauben an ihn im kirchlichen Sinne. Das Christentum als Kirche ist ihm nur eine Tatsache der Vergangenheit. Er kann es für sich nur retten, indem und soweit er es auf das Moralische reduzieren kann.

Eine Erklärung für diesen Standpunkt Schillers dürfen wir in der Macht des Zeitgeistes sehen und in dem Zustand der damaligen kirchlichen Verhältnisse. Schiller selbst erklärt letztere für verfehlte Darstellungen des Höchsten, dasvirtualiter in der christlichen Religion enthalten sei. Und in der Tat war die damalige kirchliche Theologie nicht imstande, der mit der Ideenflut des 18. Jahrhunderts ins Geistesleben Deutschlands einbrechenden Probleme Herr zu werden; so wandten sich viele der besten Köpte von der Kirche ab. Schiller baute sich seine eigene Kirche, in der er Gott nach seiner Weise diente, eine Kirche, die auch ihr Gnadenmittel hat, aber nur eins, die Schönheit. War er kein Kirchen- christ, so war er doch echter Protestant, wenn man unter Protestantismus die religiöse Denkweise ver- steht, deren innerster Lebensnerv die absolute Freiheit des Gewissens und Selbstverantwortlichkeit vor