Aufsatz 
Die Lehre von der Rechtfertigung aus dem Glauben nach dem Neuen Testament / von Rudolf Trümpert
Entstehung
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Anſchauung der Juden über die Gerechtigkeit rügt, iſt die Verflachung derſelben durch die von den Phariſäern eingeführte Wertlegung auf die nur buchſtäbliche Erfüllung der Gebote, auf die Ausführung der Beſtimmungen des Zeremonialgeſetzes, wie er denn Mt. 5 den vollen Inhalt, der aus den ſchlichten Geboten geſchöpft werden kann, an einigen Beiſpielen darlegt, nachdem er V. 20 geſagt hatte:Es ſei denn eure Gerechtigkeit beſſer, denn die der Schriftgelehrten und Phariſäer, ſo werdet ihr nicht in das Himmelreich kommen, und Mt. 23, 23 den Phariſäern vorwirft, daß ſie in äußeren Geſetzeswerken Großes leiſteten, das Schwerſte aber im Geſetz: Gerechtigkeit, Barmherzigkeit, Treue dahinten ließen.

Daß er nun auch auf Grund der von ihm ſelbſt gegebenen vollkommenen Anweiſung zur Sittlichkeit die Darſtellung von Gerechtigkeit d. h. den Beweis ſittlicher Rechtbeſchaffenheit für möglich hielt, zeigt das Gleichnis vomUnkraut unter dem Weizen Mt. 13, 43, wodie Gerechten denKindern des Reiches gleichgeſtellt werden V. 38. 49, die Beſchreibung der Zukunft des Menſchenſohnes Mt. 25, wo V. 27. 46 diejenigendie Gerechten genannt werden, die wahre Menſchenliebe geübt haben, und das Wort Mt. 5, 6:Selig ſind, die da hungern und dürſten nach der Gerechtigkeit, denn ſie ſollen ſatt werden, worin Jeſus das eifrige Streben nach ſittlicher Rechtbeſchaffenheit preiſt mit der Erklärung, daß es ſeine Befriedigung in ſittlichem Thun finden wird, wie es dann die Bergpredigt in reicher Fülle ſchildert.

Unter der aktiven Gerechtigkeit verſteht der Herr, wie auch Paulus, ſelbſtverſtändlich nur eine relative,

denn er ſagt dem reichen Jüngling:Niemand iſt gut, denn der alleinige Gott Mt. 19, 17. Der Begriffgut deckt ſich nach der Frage des Jünglings V. 16:Was ſoll ich Gutes thun, damit ich das ewige Leben haben möge?, mit dem Begriffgerecht, denn nach Mt. 13, 43 bedingt die Ge rechtigkeit auch den Eintritt in des Vaters Reich, deſſen Angehörigen allein das ewige Leben zufällt. Mithin ſpricht der Herr allen Menſchen die Fähigkeit ab, wirklich durchaus ſittlich rechtbeſchaffen zu ſein, und verweiſt ſie darauf, daß ſieerſt in der Anerkennung durch Gott den wertgebenden Ab⸗ ſchluß ihrer perſönlichen Qualität als Gerechter zu erwarten haben, wie Dr. Ritſchl II. S. 273 zu Mt. 6, 33 bemerkt, nachdem er darauf aufmerkſam gemacht hat, daß es im griechiſchen Text heißt: SItstte x⁶τονν Saiaον o5 1e) εαQκU ů⁸⁸⁷( 45105,ſeiner Gerechtigkeit ſich alſo auf Gott, nicht auf das Gottesreich bezieht. Das iſt aber eine Ermahnung zur Demut, wenn den Menſchen geſagt wird, daß ihre perſönliche Qualität als Gerechter nur durch die Anerkennung vonſeiten Gottes Wert erhält, wie auch das erſte Wort der Bergpredigt, in der die Formen der aktiven Gerechtigkeit des Chriſten entwickelt werden, zur Demut auffordert:Selig ſind, die da geiſtlich arm ſind. Damit erklärt der Herr, daß die Demut die Grundſtimmung des Chriſten in all ſeinen ſittlichen Ringen und Schaffen ſein muß, damit wird aber auch völlig beſtätigt, daß ſich Paulus in ſeiner Rechtfertigungslehre auf dem von dem Heiland angewieſenen Boden hält, denn ich habe oben gezeigt, wie Paulus ſich kein gerechtes Wirken eines Chriſten ohne Demut denken kann.

Es bedarf jetzt nur noch eines Nachweiſes, daß der Heiland ſein Sterben als ein Opfer angeſehen habe, um zu zeigen, daß auch in dieſer Beziehung Paulus nicht neue Lehren aufbrachte,

ſondern an das von Chriſtus Gelehrte anknüpfte.

Chriſtus ſagt Mk. 10, 45. Mt. 20, 28:Denn auch des Menſchen Sohn iſt nicht gekommen, daß er ſich dienen laſſe, ſondern daß er diene und gebe ſein Leben als Löſegeld für viele.

Ein Löſegeld wird für einen andern gegeben, damit dieſer aus dem Zuſtand der Strafverhaftung befreit wird; es ſoll gut machen, was ein andrer gefehlt hat; es iſt zugleich eine Leiſtung, die dieſer nicht ſelbſt ausführen kann. Dadurch wird die Auffaſſung des Sterbens Jeſu als eines Schuldopfers nahe gelegt, ſofern die Gutmachung(Satisfaktion), zu der die blutige Sühne mitwirkte, die Hauptſache im Schuldopfer war(S. 11). Jeſus will ſagen, daß durch die Hingabe ſeines Lebens in den wirklichen Tod die Seelen vieler losgekauft, befreit wurden von ihrer Strafverhaftung gegenüber Gott, indem er ſelbſt der göttlichen Strafgerechtigkeit genug thue.