Aufsatz 
Die Lehre von der Rechtfertigung aus dem Glauben nach dem Neuen Testament / von Rudolf Trümpert
Entstehung
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Schein der Frömmigkeit wahren möchte, ſo finden wir es begreiflich, daß ſich das religiöſe Leben Israels mehr und mehr in ein geiſtloſes Formenweſen verlor. Der Israelit fragte nicht mehr in wirklich ſittlichem Intereſſe:was muß ich thun, um vor Gott gerecht zu ſein?, ſondern in rein äußerlichem:was muß ich thun, um dem Geſetz zu genügen?, er diente dem toten Buchſtaben, ſein Leben unter dem Geſetz war eine Knechtſchaft, 20bXeia, über Kleinigkeiten wurden die Hauptſachen vergeſſen, die echt ſittlichen Grundzüge des moſaiſchen Geſetzes in den Schatten geſtellt durch das Beiwerk menſchlicher Satzungen, in deren Erzeugung die Schriftgelehrten einander zu überbieten ſuchten.

Durch den Einfluß der Phariſäer, welche das Geſetz in der komplizierten Geſtalt, die ihm die Schriftgelehrten ſeit Esras Zeiten gegeben hatten, pünktlich auszuführen und die nationale Eigentümlich⸗ keit des Volkes vor jeder Abſchwächung durch fremde Anſchauungen und Sitten zu bewahren ſtrebten, wurde das Volk nach dem Zeugnis des Joſephus(Antt. XIII, 10, 6) zu vielen geſetzlichen Verrichtungen gedrängt, welche nicht im Geſetz Moſis geſchrieben waren, ſie erklärten das überlieferte Recht(h α☚ ο0 ε rGv TsGotSHe? Mc. 7, 3. Mt. 15, 2) für ſchlechthin bindend, ja ſie ſagten, es ſei ſtrafbarer, gegen die Verordnungen der Schriftgelehrten zu lehren, als gegen die Thora ſelbſt.

Daß ſie weite Kreiſe des Volkes beherrſchten und zu ihren Grundſätzen bekehrten, deutet Jeſus an, wenn er ſieblinde Wegführer nennt Mt. 23, 16. 24, wenn er ihnen den Vorwurf macht, daß ſie die Menſchen, die ins Himmelreich gelangen wollten, nicht hineinließen V. 13. Er eröffnet ihnen, daß ſie ſelbſt nicht hineinkämen, weil ſie die großen ſittlichen Aufgaben des Geſetzes über äußeren Rückſichten vergäßen V. 23. Üüberhaupt entwirft das 23. Kapitel des Matthäus ein trauriges Bild von der Ver⸗ äußerlichung des religiöſen Lebens der Juden.

Die Erklärung dafür, daß das Geſetz in ſeiner Ausbildung durch die Schriftgelehrten eine ſolche Macht über das Judenvolk errang, liegt in dem Glauben an die göttliche Vergeltung. Das Ver⸗

S. 389:Die Hoffnung auf eine künftige Vergeltung war die Haupttriebfeder alles geſetzlichen Eifers. Ja, das ganze religiöſe Leben des jüdiſchen Volkes in unſerm Zeitalter bewegte ſich geradezu um dieſe beiden Pole: Erfüllung des Geſetzes und Hoffnung einer künftigen Herrlichkeit. Der Eifer für jenes hat ſeine Lebenskraft vornehmlich aus dieſer geſchöpft. Das Wort des Antigonus von Socho:Gleichet nicht den Knechten, die ihrem Herrn um des Lohnes willen dienen, ſondern ſeid denen gleich, die ohne Rück⸗ ſicht auf Lohn Dienſte leiſten, iſt keineswegs ein korrekter Ausdruck der Grundſtimmung des phariſäiſchen Judentums. Dieſes gleicht in der That den Knechten, die um des Lohnes willen dienen.

In dieſer geiſtigen Atmoſphäre wuchs Saulus von Tarſus heran. Er ſaß als Schüler zu den Füßen des phariſäiſchen Rabbi Gamaliel in Jeruſalem Apoſtelg. 22, 3, er ſah den großartigen Tempel⸗ kultus in dieſer Stadt, er lebte inmitten ſolcher, die das Geſetz ſorgfältig beobachteten, er befolgte ſelbſt ſeine Satzungen, fand aber doch nicht den geſuchten Seelenfrieden, ſondern fühlte ſich durch die Gebote und Verbote vielfach zu Sünden gereizt, an die er ohne jene nicht gedacht hätte. Ich faſſe näm⸗ lich Röm. 7 nicht ſo auf, als ob der Apoſtel ſich nur in die Situation eines Geſetzesdieners verſetzt und alle einem ſolchen widerfahrende Pein nach ſeiner Phantaſie geſchildert hätte, ſondern als die Darſtellung der Seelenkämpfe, welche Saulus unter dem Geſetz wirklich durchzumachen hatte.Ich elender Menſch, wer wird mich erlöſen von dem Leibe dieſes Todes? Ich danke Gott durch Jeſum Chriſtum, unſern Herrn V. 24. 25 konnte nur ein Menſch ausrufen, der die Wonne der Erlöſung aus ſchwerer innerer Not im eigenen Herzen empfunden hatte. Die ſtete Unzufriedenheit mit ſeinem ſittlichen Zuſtand ließ ihn im geſetzeseifrigen Wüten Apoſtelg. 9, 1. 2 gegen die Chriſten Selbſtvergeſſenheit ſuchen, doch gerade dabei zog es ihn mehr und mehr zu den Verfolgten hinüber, und als ihn der Herr in den Dienſt ſeiner Kirche rief Apoſtelg. 9, 36, war es ihm bereits unmöglich,wider den Stachel zu löcken. Er mußte es