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1 Moſ. 15, 6, in urſächlichen Zuſammenhang gebracht werden. Wenn nun auch Paulus dieſen Spruch: „Abraham glaubte Gott und das rechnete er ihm zur Gerechtigkeit“ bei ſeiner Darſtellung der Glaubens⸗ gerechtigkeit verwertet hat, ſo müſſen wir uns doch hüten, in demſelben die Anſchauung zu ſuchen, daß der Glaube die Geſamtleiſtung des frommen Subjektes gegenüber dem Bundes⸗ gott aufwiegen könne. Es heißt nur, daß dem Abraham ſeine Glaubensthat als ein Beweis ſeiner Gerechtigkeit angerechnet worden ſei. Ich möchte lieber ſagen, daß der Glaube, das Vertrauen auf Gott, der dem einzelnen und dem Ganzen des Volkes ſich als Beſchützer bewähren werde, die geiſtige Atmoſphäre bildete, in welcher der Israelit die Arbeit that, deren Ausführung ihm das Prädikat des Ge⸗ rechten eintrug.
Wenn nun ſchon der Annahme der Möglichkeit der Gerechtigkeit d. h. der ſittlichen Rechtbeſchaffenheit vor Gott eine Überſchätzung des ſittlichen Wertes der Einzelperſon zu Grunde lag, ſo erwuchs der ernſten Erfaſſung der dem Israeliten geſtellten ſittlichen Aufgabe eine ernſte Gefahr in der Würdigung des Opfers als eines ſicher wirkenden Mittels der Verſöhnung Gottes gegenüber den menſchlichen Sünden. Die Erkenntnis dieſer Gefahr wird ſchon dem Samuel zugeſchrieben, der nach 1 Sam. 15, 22 dem Saul erklärte:„Meinſt du, daß der Herr mehr Luſt habe am Opfer und Brandopfer, als am Gehorſam der Stimme des Herrn? Siehe, Gehorſam iſt beſſer, denn Opfer, und Aufmerken beſſer, denn das Fett von Widdern.“
Gleiche Gedanken ſprechen aus Pſ. 4, 6. 40, 7. 50, 9—14. 23. Hoſ. 6, 6. Mich. 6, 6—8. Gegen die überſchätzung des äußeren Gottesdienſtes überhaupt ſpricht Jeſ. 29, 13.
Eine noch größere Gefahr aber erwuchs der Sittlichkeit der Juden, wie wir jetzt richtiger ſagen, durch die Verpflichtung derſelben zur Beobachtung des Ceremonialgeſetzes. Die Entſtehung desſelben begreift ſich leicht. Galt das Judenvolk als Gottes Volk, ſo ſollte es dieſe Stellung nicht nur durch ſeine Glaubensanſchauungen bekunden, ſondern auch durch die ganze Art ſeines äußeren Lebens, es ſollte nicht nur durch Sittlichkeit im engeren Sinn, ſondern durch eine beſondere Reinheit aller Lebens⸗ gebräuche ſich von den übrigen Völkern abheben 3 Moſ. 11, 44. 45. 18, 2—5. 20, 26.
Während Sitten und Gebräuche bei andern Völkern größtenteils mit einer gewiſſen Freiheit geübt wurden, wurden ſie bei den Juden zu religiöſen Pflichten geſtempelt. Jedenfalls waren die meiſten derſelben älter, als die betreffenden religiöſen Satzungen, aber dadurch, daß ſich eine ſolche gegenüber jedem Lebensgebrauch erhob, nahm das Volksleben allmählich eine Geſtalt an, die es bis in die kleinſten, ſcheinbar unbedeutendſten Züge hinein der Gottheit geweiht und hingegeben erſcheinen ließen.
So mußte alſo nicht nur beim Opfern als der unmittelbaren Verwendung von Irdiſchem im Dienſte Gottes hinſichtlich des Dargebrachten ſelbſt und des darbringenden Prieſters die größte Reinheit vor⸗ handen ſein, ſondern auch die Gemeinde Gottes ſollte ſich ſtets vor äußerer Verunreinigung bewahren oder dieſelbe, wenn ſie geſchehen war, alsbald wieder tilgen. Verunreinigen aber konnte ſich ein Glied der Gemeinde Gottes durch Geſchlechtsgemeinſchaft, durch Ehe mit Blutsverwandten, durch Kindergebären, durch Selbſtverſtümmelung, durch Krankheit, durch Berührung mit Kranken, beſonders aber mit Toten(Ceich⸗ namen und Aas), durch den Genuß unſauberer Speiſen, des Fleiſches gewiſſer Tierarten, namentlich des Blutes und des Erſtickten. Als unrein galt dem Israeliten auch der Unbeſchnittene.(Siehe über dieſe Punkte die intereſſanten Mitteilungen bei Dr. Schürer: Geſchichte des jüdiſchen Volkes im Zeitalter Jeſu§ 28.)
Erwägen wir nun, daß durch den halachiſchen Midraſch d. h. die Ausbildung eines Gewohnheitsrechtes durch die Schriftgelehrten neben der geſchriebenen Thora her die Gebote des moſaiſchen Geſetzes in das feinſte kaſuiſtiſche Detail geſpalten wurden, daß namentlich die Vorſchriften über Opfer, heilige Zeiten, Gebetsverrichtung, Faſten, Abgaben an den Tempel und die Prieſterſchaft, über die Begriffe„rein“ und „unrein“, über die Beſchneidung ſich mehr und mehr häuften, und bedenken wir zugleich, wie noch heute die große Maſſe der Menſchen ſich mit ihren religiöſen Pflichten leicht abfinden und doch zugleich den


