Aufsatz 
Bericht über die Feier des 25jährigen Bestehens der Großherzoglichen Realschule zu Wimpfen am Neckar am 2. und 3. April 1897 / von Direktor Dr. Kemmer
Entstehung
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Auf welchem Wege, durch welche Mittel diese klassische Bildung erzielt wird, ist unwesentlich; es führen auch hier viele Wege nach Rom, und zu verschiedenen Zeiten hat man ganz verschieden darüber gedacht; auch ist nicht für alle derselbe Weg der beste. Indessen sind doch auf jedem Weg einige allgemeine Gesichtspunkte zu be- achten, auf die ich noch mit wenigen Worten eingehen möchte.

Zunächst ist für die Gesundheit des Leibes zu sorgen. Denn nur in einem gesunden Körper kann eine gesunde Seele wohnen. In dieser Hinsicht sind wir hier, wie Sie ja alle wissen, ausserordentlich günstig daran. Eine gesunde, schöne und mannigfaltige Natur umgiebt uns in unmittelbarer Nähe, in der Leib und Seele sich gesund baden können von den Anstrengungen der Schalarbeit, und dass von seiten der Schule in dieser Hinsicht das Erforderliche geschieht, glaube ich kaum noch besonders erwähnen zu müssen; die meisten wissen's ja aus eigener Erfahrung. Und wie die Bewegung in frischer, freier Luft, bei Wind und Wetter, Schnee und Kälte auf die Gesundheit wirkt, dafür sind unsere auswärtigen Schüler, die täglich hierher zur Schule gehen, ein sprechender Beweis; von ibnen fehlt im Laufe des ganzen Wintors selten einer wegen Erkältung oder dergleichen, sie erfreuen sich einer unverwüstlichen Gesundheit.

Die Hauptaufgabe der Schule besteht jedoch iu der Erzeugung eines gesunden Sinnes für Beruf und Umgebung, für Familie und Vaterland. Damit ist zunächst ausgesprochen die Erziehung zu selbständigen Persönlichkeiten, bei denen Herz und Gemüt, Verstand und Wille harmonisch entwickelt sind, die Ausbildung von Charakteren, die fähig und gestühlt sind, den Lebenskampf ums Dasein heiteren Mutes aufzunehmen und, unverbittert durch trübe Erfahrungen, durchzu- führen. Darin ist einbegriffen Treue, Gewissenhaftigkeit und Wahrhuftigkeit gegen Gott und die Menschen, einbegriffen Selbstachtung und edles Selbstbe- wusstsein, denen es unmöxglich ist, von der errungenen Höhe auch nur einen Schritt herabzusteigen, eingeschlossen endlich das Verständnis und die erbebende Begeisterung für alles Gute und Schöne, für Recht und Sitte, für Familie und Vaterland, ein Verständnis und eine Begeisterung, die allein zu den Opfern befähigen, die von jedem einzelnen im Interesse der Allgemeinheit gefordert werden.

In zweiter Linie bezweckt die Schule die Aneignung der geistigen Kraft und die Erwerbung der allgemeinen Kenntnisse und Fertigkeiten, die zur weiteren Ausbildung in einem bestimmten Beruf erforderlich sind. Hierzu ist nicht die blosse Aufnahme, sondern die innere Verarbeitung des Lernstoffes, nicht die Förderung des toten Wissens, sondern des lebendigen Könnens und Erkennens die Hauptsache, gerade so wie die körperliche Entwickelung nicht abhängt von der Menge der aufgenommenen, sondern von der Meage der innerlich verarbeiteten Nahrung. Hier wie dort ist nicht Stoffaufnahme, sondern Stoffvorarbeitung die Hauptsache.

Und wie wird diese erreicht? Einfach dadurch, dass Schüler und Lehrer ihre Pflicht thun!.

Die Pflicht der Schüler besteht in erster Linie darin, aufmerksam zu sein. Mit Aufmerksamkeit erreichen sie alles. was erforderlich ist; damit kommt Freude am Unterricht, und Dust und Liebe zur Sache, die bekanntlich die Fittiche zu grossen Thaten sind; ein gleichmässiges Vorwärtsschreiten ist damit verbürgt. Darum möchte ich auch am heutigen Tage an alle Eltern die Bitte richten:Helfet der Schule die Kinder zur Aufmerksamkeit erziehen! und an alle Schüler den Zuruf: Seid aufmerksam! 1