Aufsatz 
Dispositionen zu einigen ästhetischen Abhandlungen Schillers
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Von den Anstrengungen der Reise erschöpft, schlief er im Schatten ceines Baumes ein, in dessen Aeste er sein Schwert gehängt hatte, so dass der Rebell auf den Gedanken kommen musste, es sei möglich, seinen Hüter zu ermorden und so sein eigenes Leben zu retten: hätte er der Versuchung widerstan- den, nur aus Gehorsam gegen das Gesetz der Vernunft und sein Gewissen, so ist es nicht zweifelhaft, dass er tugendhaft und sittlich gewesen wäre. Setzen wir den Fall, dieser Rebell habe einen so gebildeten Geschmack gehabt, dass alles Schänd- liche und Gewalttätige ihm einen Abscheu erweckte, den nichts überwinden konnte: dann versagte er sich das angenehme Gefühl des geretteten Lebens, weil er das widrige, eine Nieder- trächtigkeit begangen zu haben, nicht ertragen konnte. Das Betragen dieses Menschen, so legal es ist, ist moralisch indiffe- rent, eine blosse schöne Wirkung seiner veredelten Natur. Das moralische Forum, das Gewissen, ist garnicht zur Ent- scheidung aufgerufen: die Versuchung, eine schlimme Hand- lung zu begehen, ist schon in einer früheren Instanz, eben von dem Geschmack, zurückgewiesen worden. Der Geschmack hat also in diesem Falle die Tugend ersetzt.

2. Der Herzog Leopold von Braunschweig sprang beim Hochwasser der Oder in einen Nachen, um einige Unglück- liche zu retten, einzig aus Bewusstsein der Pflicht. Dann erst regte sich der Erhaltungstrieb, die Vorschrift der Vernunft zu bekämpfen. Da er der Pflicht folgte, so handelte er moralisch. Hatte er einen so reizbaren Schönheitssinn, dass alles, was gross und vollkommen ist, ihn entzückte, so musste in dem- selben Augenblick, in dem die Vernunft ihren Ausspruch tat, auch die Sinnlichkeit zu ihr übertreten: dann würde er das mit Neigung getan haben, was er ohne diese zarte Empfind- lichkeit für das Schöne gegen die Neigung hätte tun müssen. Moralisch bliebe er darum ebenso vollkommen, wie er ohne die- sen reizbaren Schönheitssinn war; physisch hingegen wäre er bei weitem vollkommener gewesen, ein weit zweckmässigeres Subjekt für die Tugend. Der Schönheitssinn hätte in diesem Falle die Tugend erleichtert.

C. Schluss: Der Geschmack gibt also dem Gemüt eine für die Tugend zweckmässige Stimmung, weil er die Neigungen entfernt, die sie hindern, und diejenigen erweckt, die ihr günstig sind. Der Geschmack kann demnach der wahren Tugend keinen Eintrag tun, dem schwächeren Willen aber

positiv nützen. *