— 38—
Materie halten, für die reine Tätigkeit der Vernunft zu ge- winnen, und ihren Widerstreit zu besiegen, ist es nötig, Formen wieder in Materie umzusetzen, Ideen in Anschauungen zu kleiden und durch die Operationen der tätigen Kraft die leidende zu affizieren. Dieses leistet der Geschmack im Vor- trage der Wahrheit.
So wie ein geschmackvoller Vortrag zum Denken einlädt und die Erkenntnis der Wahrheit befördern hilft, weil er selbst aus abstrakten Begriffen einen Stoff für die Sinnlichkeit bildet, so hilft der Geschmack auch selbst die Sittlichkeit des Handelns befördern, indem er die moralischen Vorschriften der Vernunft mit dem Interesse der Sinne in Uebereinstimmung bringt und das Ideal der Tugend in ein Objekt der Neigung verwandelt.
Viele denkende Köpfe jedoch wollen von keinem Einfluss des Geschmacks auf die Sittlichkeit wissen: ihre Gründe muss ich in den folgenden Briefen prüfen.
VI. Brief. Ludwigsburg, 3. Dezember 1793.
Ich bekenne, dass ich im Punkte der Sittlichkeit voll- kommen kantisch denke. Ich nehme mit den rigidesten Mora- listen an, dass nur diejenigen unserer Handlungen sittlich heissen, zu denen uns bploss die Achtung für das Gesetz der Vernunft bestimmte, dass die Tugend schlechterdings auf sich selber ruhen müsse und auf keinen von ihr verschiedenen Zweck zu beziehen sei. Gut ist, was nur darum geschieht, weil es gut ist.
Anm. Die hier folgenden Absätze dieses sechsten Brie- fes sind von Schiller einige Jahre später als eine in sich ge- schlossene, selbständige Abhandlung unter eignem Titel her- ausgegeben worden. Ihre so gewonnene Abrundung mögen diese Ausführungen auch hier bewahren.
.
7. Uber den moralischen Nutzen ästhetischer Sitten.
Zuerst erschienen in:»Die Horen. Jahrgang 1796. Drittes Stück.«
A. Einleitung: Auf das moralische Leben hat ein
reges und reines Gefühl für Schönheit offenbar den glücklich- sten Einfluss.
Anm. Fs ist hier mit der inneren moralischen Freiheit
ganz derselbe Fall, wie mit der äusseren physischen. In letzte-
rem Sinne handele ich frei, wenn ich bloss meinem Willen


