Aufsatz 
Dispositionen zu einigen ästhetischen Abhandlungen Schillers
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Es muss scheinbar im Gegensatz dazu zugegeben werden, dass der grössere Teil des Uebels der Zeit in nicht genug berichtigten Begriffen und Vorurteilen seinen Grund hat, obwohl Licht und Wahrheit Riesenschritte vorwärts getan haben. Es muss also in den Gemütern der Menschen etwas vorhanden sein, was der Aufnahme der Wahrheit, auch wenn sie noch so hell strahlte, im Wege steht. Kraft und Ener- gie des Entschlusses gehört nämlich dazu, die Hindernisse zu pesiegen, welche teils die natürliche Trägheit des Geistes, teils die Feigheit des Herzens der Aufnahme der Wahrheit ent- gegensetzen. Man muss sich ermannen zur Weisheit, und das mögen die sinnlich gerichteten Menschen, die verzärtelten Söhne der Lust nicht. Diese Männlicheit des Geistes ist der Gegenstand praktischer Kultur: insofern Energie des Ent- schlusses nötig ist, um aus dem Zustand verworrener Begriffe zu deutlichen Erkenntnissen überzugehen, muss der Weg zu der theoretischen Kultur durch die praktische geöffnet werden. Das wirksamste Mittel, dem Fehler des Willens, der sich der Aufklärung entgegensetzt, abzuhelfen, ist die ästhetische Kul- tur des Geschmacks. Deshalb muss die ästhetische Kultur der wissenschaftlichen beständig zur Seite gehen. Der Geschmack allein vermehrt unser Wissen nicht, berichtigt unsere Begriffe nicht, lehrt uns nichts über die Objekte. Die Wissenschaft allein reicht ebenso wenig hin, unsere Grundsätze nach unserm besseren Wissen umzuformen und unsere Kenntnisse zu prakti- schen Maximen zu erheben. Die Wissenschaft gibt uns nur die Materialien zur Weisheit; der Geschmack hingegen gewinnt unser Herz dafür und verwandelt sie in unser Eigentum.

V. Brief. Ludwigsburg in Schwaben, 21. November 1793.

Gestatten Sie mir, was ich bisher bloss theoretisch aus- führte, auch historisch zu erweisen.

Was war der Mensch, ehe die seelenbildende Kunst ihre Hand an ihn legte? Der trotzigste Egoist unter den Tier- gattungen und, bei aller Anlage zur Freiheit, der abhängigste Sinnensklave. Bei seiner Bekleidung, seinen Gerätschaften, seiner Wohnung sah er nur auf das Notwendige.

Das Phänomen, welches die anfangende Humanisierung verkündigte, war bei allen wilden Stämmen dasselbe: die Liebe zum Putz.

Der Wilde hört auf sich mit dem Notwendigen zu begnü- gen; er verlangt, das es schön sei, freilich nur schön für seinen barbarischen Geschmack. Es gründet sich nun nicht mehr auf