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Er empfindet hier bloss, was die Natur ausser ihm ihn emp- finden lassen will, und bestimmt sich bloss, je nachdem er empfindet. In dieser drückenden Dependenz von Naturbe- dingungen vegetiert der Mensch bloss.
Aber auf der zweiten Stufe macht die Betrachtung ihn frei,— das erste liberale Verhältnis des Menschen gegen die ihn umgebende Natur. Wenn das Bedürfnis seinen Gegen- stand unmittelbar ergreift, so rückt die Betrachtung den ihri- gen in die Ferne. Ich verhalte mich zwar auch bei Emp- findungen der Schönheit leidend, insofern ich den Eindruck von aussen empfange, und dieser Eindruck mich in den Zustand der Lust versetzt. Aber die Lust an diesem Ein- druck empfange ich, bei dem schönen Gegenstande, nicht von aussen: es ist vielmehr eine tätige Operation meiner Seele, nämlich die Reflexion darüber, was mich in den Zustand der Lust versetzt. Das materielle Vergnügen entspringt unmittel- bar aus dem Stoff, den ich empfange, das ästhetische Wohlge- fallen entspringt aber aus der Form, die ich einem emp- fangenen Stoff erteile. Ich ergötze mich an dem Angeneh- men, weil es mir Gelegenheit gibt, etwas zu erleiden; ich er- götze mich an dem Schönen, weil es mir Gelegenheit gibt, etwas zu tun.
Ich habe also bei dem Wohlgefallen der freien Betrach- tung meine Rationalität eröffnet, ohne meine Sensualität ab- gelegt zu haben. Ich habe die wichtige Erfahrung gemacht. dass ich mehr bin, als eine ploss leidende Kraft, und diese höhere Kraft habe ich zu üben angefangen.
Auf der dritten Stufe lasse ich die Sinnlichkeit ganz hinter mir zurück und erhebe mich zu der Freiheit reiner Geister: ich handle, weil ich handelte, d. h. ich will, weil ich erkannte. Ich erhebe Begriffe zu Ideen, und Ideen zu prak- tischen Maximen.
Durch das Empfindungsvermögen des Schönen wird also ein Band der Vereinigung zwischen der sinnlichen und geisti- gen Natur des Menschen geflochten, und das Gemüt von dem Zustand des blossen Leidens zu der unbedingten Selbsttätigkeit der Vernunft vorbereitet.
IV. Brief. Ludwigsburg in Schwaben, 11. November 1793.
Ist das Bedürfnis unserer Zeit, wie oben behauptet wurde, ästhetische Kultur, also praktische Ausbildung, während für die theoretische Kultur schon sehr viel getan ist?


