Aufsatz 
Dispositionen zu einigen ästhetischen Abhandlungen Schillers
Einzelbild herunterladen

33

der Geschichte aufweisen, wo ästhetische Kultur mit bürger- licher Tugend und politischer Freiheit Hand in Hand ge- gangen wäre. Die Kunst richtet vielmehr nur auf dem Grabe des Heroismus ihren Thron auf: und doch ist die Energie des Charakters die wirksamste Feder alles Grossen und Treff- lichen im Menschen, die kein anderer noch so grosser Vorzug ersetzen kann. Wer diese hochhält, betont nicht ohne Grund, dass der Geist der Frivolität, Oberflächlichkeit, Willkürlich- keit und Spielerei die Liebhaber des Schönen sowohl im Denken, als im Handeln zu charakterisieren pflegt. Die schöne Welt aber bemerkt tadelnd den barbarischen Ge- schmack und die Roheit, wodurch sich die Grazien an ihren Feinden zu rächen pflegen. Vielleicht haben beide Teile nicht so ganz unrecht.

Der Grund dieses Widerspruchs liegt augenscheinlich in der gemischten Natur des Menschen und in dem doppelten Bedürfnis, das daraus herfliesst.

Der Mensch, als sinnliches Wesen, wird durch Triebe geleitet, die ohne Aufhören geschäftig sind, ihn des Ver- mögens zu berauben, sich nach Grundsätzen der Vernunft zu bestimmen. Diese blinde Macht der Natur in ihm, diese bloss sinnliche Energie muss gebrochen werden: gelingt das, so ist ein notwendiger, grosser Schritt zur Kultur getan. Aber diese Erschlaffung der Sinnlichkeit darf nicht von sinnlichem Kraftmangel und Erschöpfung herrühren; vielmehr muss die Freiheit der Vernunft der Macht der Naturtriebe Grenzen setzen. Nur an den Geist darf der Sinn verlieren.

Der sinnliche Mensch kann nicht genug aufgelöst, der ra- tionale nicht genug angespannt werden. Wenn also die ästhe- tische Bildung diesem doppelten Bedürfnis begegnet, ist sie ein taugliches Werkzeug zur sittlichen Bildung. Ihre Mittel zu diesem Zweck sind das Schöne und das Erhabene: ver- mittelst des Schönen arbeitet sie der Verwilderung, vermittelst des Erhabenen der Erschlaffung entgegen und erteilt dem ver- feinerten Kunstmenschen Federkraft, und nur das genaueste Gleichgewicht beider Empfindungsarten vollendet den Ge- schmack.

Der Mensch ist seiner doppelten Bestimmung gemäss mit einer doppelten Anlage ausgestattet: die Natur bestimmt ihn zu empfinden und unmittelbar aus Empfindung zu handeln. Die Vernunft bestimmt ihn zu denken und unmittelbar aus reinem Denken zu handeln.

Die Naturbestimmung des Menschen ist, sich als eine