Aufsatz 
Dispositionen zu einigen ästhetischen Abhandlungen Schillers
Einzelbild herunterladen

31

tung den Urtext der Briefe Schillers zu Grunde zu legen, welchen Michelsen herausgegeben hat(Berlin. Gebrüder Pae- tel. 1876).

Hier ist der Gedankengang der folgende:

I. Brief. Jena, 9. Februar 1793.

Die Schönheit muss, wie die Wahrheit und das Recht, auf ewigen Fundamenten ruhen, und die ursprünglichen Gesetze der Vernunft müssen auch die Gesetze des Geschmacks sein. Nach Schillers Urteil gibt die Philosophie Kants die festen Grundsteine her, auch ein System der Aesthetik zu errichten. Er will versuchen, wie weit der entdeckte Pfad ihn führt.

II. Brief. Jena, 13. Juli 1793.

Aber ist es nicht unzcitgemäss, sich um die Bedürfnisse der ästhetischen Welt zu bekümmern, wo die Angelegenheiten der politischen ein so viel näheres Interesse darbieten?

Wäre in der französischen Revolution der ausserordent- liche Fall wirklich eingetreten, dass die politische Gesetz- gebung der Vernunft übertragen worden wäre, so wollte ich auf ewig von den Musen Abschied nehmen und dem herrlich- sten aller Kunstwerke, der Monarchie der Vernunft, alle meine Tätigkeit widmen. Aber der Gebrauch, den das französische Volk von der Freiheity macht, beweist unwidersprechlich, dass das liberale Regiment der Vernunft da noch zu frühe kommt, wo man kaum damit fertig wird, sich der brutalen Gewalt der Tierheit zu erwehren, und dass derjenige noch nicht reif zur bürgerlichen Freiheit ist, dem noch so vieles zur menschlichen fehlt... Nur seine Fähigkeit, als ein sittliches Wesen zu handeln, gibt dem Menschen Anspruch auf Frei- heit; ein Gemüt aber, das nur sinnlicher Bestimmungen fähig ist, ist der Freiheit so wenig wert, als empfänglich.

Gleichwohl bleibt politische und bürgerliche Freiheit immer und ewig das heiligste aller Güter, das würdigste Ziel aller Anstrengungen, aber man wird diesen herrlichen Bau nur auf dem festen Grund eines veredelten Charakters auf- führen, man wird damit anfangen müssen, für die Verfassung Bürger zu erschaffen, ehe man den Bürgern eine Verfassung geben kann. Man muss also auf Mittel denken, dem Cha- rakter beizukommen, um ihn zu veredeln. Auf den Charakter wird durch Berichtigung der Begriffe und durch Reinigung der Gefühle gewirkt: jenes ist das Geschäft der philosophi- schen, dieses vorzugsweise der ästhetischen Kultur. Gesund-