— 29—
nügt hätte, so hat er uns doch in wenigen Worten genug Blicke in die Seele Laokoons tun lassen, um unser Mitleid mit seinem Schicksal zu erwecken, ohne seinen eigentlichen Zweck zu verfehlen.
a) Das Kontemplativ-Erhabene. Die Erzählung beginnt mit dem Auftauchen der beiden gewaltigen Schlangen, die Pallas entsandt hat, um den kühnen Seher zu strafen. Die Naturkraft, die in den Ungeheuern verkörpert ist, erscheint uns nicht nur mächtig, sondern zugleich furchtbar und doch erhaben: wir vergleichen diese unwiderstehliche Naturmacht erstlich mit unserm schwachen physischen Widerstandsver- mögen und, indem wir sie als furchtbar erkennen, zittern wir, wenn wir uns selbst oder einen andern Menschen im Kampfe mit ihr denken; indem wir zweitens erwägen, dass diese Na- turkraft allein unserm Körper, unserer sinnlichen Natur etwas anhaben kann, dass wir aber selbst als Opfer dieser Macht für unser freies Selbst, für unsere unsterbliche Seele nichts zu fürchten haben, wird sie uns zu einem erhabenen Objekt und wir fühlen uns über das gemeine Angstgefühl er- hoben.— Die Darstellung ist bis hieher bloss kontemplativ- erhaben, d. h. das Gemüt wird nicht so gewaltig ergriffen, dass es nicht in einem Zustande ruhiger Betrachtung dabei verharren könnte.
b) Das Pathetisch-Erhabene. Sobald aber das Mächtige als furchtbar wirklich gegeben wird, geht das Kontemplativ- Erhabene in das Pathetisch-Erhabene über. Die Schlangen stürzen auf Laokoon zu, und wir sehen sie wirklich mit der Ohnmacht des Menschen in Kampf treten. Im Geiste ver- setzen wir uns in die Lage Laokoons, und mächtig regt sich der Erhaltungstrieb in uns: die Ungeheuer schiessen los auf — uns, und alles Entrinnen ist vergebens.— Würen wir bloss sinnliche Menschen, so würden wir bei dem blossen Leiden stehen bleiben und nur das Furchtbare der uns drohenden Gefahr empfinden. Je nachdem aber in uns die moralische Kraft entwickelt ist, werden wir bei ihr in der Bedrängnis Hilfe finden, und das Furchtbare wird für uns in das Er- habene übergehen. Herausgeschlagen aus allen Verschan- zungen, die dem Sinnenwesen einen physischen Schutz ver- schaffen können, werfen wir uns in die unbezwingliche Burg unserer moralischen Freiheit und gewinnen eben dadurch eine absolute und unendliche Sicherheit... Aber eben darum, weil es zu dieser physischen Bedrängnis gekommen sein muss, ehe wir bei unserer moralischen Natur Hilfe suchen, so können


