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2. Erst der moralische Widerstand gegen das Leiden macht eine künstlerische Darstellung pathetisch.
Die Darstellung des Schmerzes allein kann nie die Wir- kung hervorbringen, die sie haben soll; sie wäre ohne sitt- lich erhebende Kraft und liesse den Geist leer ausgehen.
a) Blosse Affekte sind für die Tragödie unbrauchbar: nichts, was bloss die sinnliche Natur angeht, ist der Dar- stellung würdig.
a¹) Die schmelzenden Affekte, die bloss zärtlichen Rüh- rungen, gehören zum Gebiet des Angenehmen, das ein edler und männlicher Geschmack von der Kunst ausschliesst, weil es bloss allein den Sinnen gefällt: wie viele unserer Romane, Trauerspiele und Familiengemälde, rührsame Predigten und schmelzende Passagen der Musik.
9) Auf der andern Seite sind die höchsten Grade der Affekte ausgeschlossen: denn sie unterdrücken die Gemüts- freiheit durch Schmerz nicht minder, als jene durch Wollust. Der, welcher einem Schmerz zum Raube wird, ist bloss ein gequältes Tier, kein leidender Mensch mehr: denn von dem Menschen wird schlechterdings moralischer Widerstand gegen das Leiden gefordert.
An m. Eine Darstellung der blossen Passion ohne Dar- stellung der übersinnlichen Widerstandskraft heisst gemein, das Gegenteil heisst edel: das sind Begriffe, die überall, wo sie gebraucht werden, eine Beziehung auf den Anteil oder Nichtanteil der übersinnlichen Natur des Menschen an einer Handlung oder an einem Werke bezeichnen. Schiller gibt Beispiele, welche auch das Anständige und Sprechende be- rücksichtigen.
b) Der leidende Mensch muss moralischen Widerstand gegen das Leiden zeigen, durch den allein sich das Prinzip der Freiheit in ihm kenntlich macht.
Dieser Widerstand wird dadurch zur Darstellung ge- bracht, dass alle bloss der Natur gehorchenden Teile, über welche der Wille entweder gar niemals— z. B. die Werk- zeuge des Blutumlaufs, des Atemholens und die ganze Ober- fläche der Haut— oder wenigstens unter gewissen Umständen nicht disponieren kann— z. B. die Bewegung des Armes, ja selbst die Sprache— die Gegenwart des Leidens verraten, diejenigen Teile aber, welche der blinden Gewalt des In- stinkts entzogen sind und dem Naturgesetz nicht notwendig gehorchen, keine oder nur eine geringe Spur dieses Leidens zeigen, also in einem gewissen Grade frei erscheinen. An


