Aufsatz 
Dispositionen zu einigen ästhetischen Abhandlungen Schillers
Einzelbild herunterladen

26

tische, welche mit grossem Nutzen im Anschluss an Lessings Laokoon gelesen werden wird; sie wird über Lessings Meister- werk neues Licht verbreiten.

Hier folge die Disposition der Abhandlung.

A. Einleitung: Die Darstellung der leidenden Natur ist niemals Zweck der Kunst, aber sie ist ein Hauptmittel zu ihrem letzten Zweck, der Darstellung des Uebersinnlichen, der Versinnlichung der moralischen Unabhängigkeit des Menschen von den Naturgesetzen. Das Sinnenwesen muss tief und heftig leiden; Pathos muss da sein, damit das Ver- nunftwesen durch seinen Widerstand gegen die Macht der Ge- fühle seine Unabhängigkeit kund tun und sich handelnd dar- stellen könne.

B. Abhandlung: Der Begriff des Pathetischen wird erklärt und an dem Beispiel des Laokoon erläutert.

I. Begriff des Pathetischen: pathetisch ist diejenige Dar- stellung, in welcher 1. die leidende Natur und 2. der dem Leiden selbständig Widerstand leistende Geist Ausdruck ge- funden hat.

1. Das Leiden selbst ist die Grundlage der pathetischen Darstellung.

a) Die leidende Natur darf nicht in den Hintergrund gedrängt werden.

Denn allein an der Stärke des Angriffs kann man den Widerstand messen. Der Dichter muss die Darstellung des Schmerzes so weit treiben, als es ohne Unterdrückung der mo- ralischen Freiheit geschehen kann: denn ohne dies würde es nicht zu erkennen sein, ob der Widerstand des Geistes gegen das Leiden eine Gemütshandlung, etwas Positives, und nicht vielmehr bloss etwas Negatives und ein Mangel(Unempfind- lichkeit) ist. Dies letztere ist der Fall bei dem klassischen Trauerspiel der Franzosen, wo der frostige Ton der Dekla- mation alle wahre Natur erstickt.

b) Wahr, aufrichtig und tief eindringend muss die lei- dende Natur zu unsern Herzen sprechen.

So lässt der Grieche, der sich nie der Natur schämt, der Sinnlichkeit ihre vollen Rechte und ist dennoch sicher, dass er nie von ihr unterjocht werden wird. Die Gesetze des An- standes(der Dezenz, des Schicklichen) und des Bedürfnisses (Kleider) sind ihm nie die Gesetze der Kunst. Die zarte Empfindlichkeit für das Leiden ist ein Gesetz, das der grie- chische Genius der Kunst vorgeschrieben hat.