Aufsatz 
Dispositionen zu einigen ästhetischen Abhandlungen Schillers
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die Sinnlichkeit die Zügel der Herrschaft an sich reissen will, so ist es die Aufgabe des Menschen erhaben zu wolleny, d. h. der Sinnlichkeit Widerstand zu leisten und das Gesetz der Vernunft zu vollstrecken. Im ersten Falle tritt Anmut, im zweiten aber Würde zu Tage.

B. Abhandlung: Anmut ist eine Schönheit, die nicht von der Natur gegeben, sondern von dem Subjekte selbst hervorgebracht wird; sie zeigt sich in Bewegungen, deren Ur- sache moralische Empfindungen sind, und liegt in dem, was bei absichtlichen Bewegungen unabsichtlich ist. Sie ist der sinnfällige Ausdruck einer schönen Seele, in der Sinnlichkeit und Vernunft in Harmonie miteinander stehen. Würde tritt überall da in die Erscheinung, wo die sinnlichen Triebe durch die moralische Kraft beherrscht werden; sie besteht also in der Betätigung der geistigen Freiheit bei jeder sinn- lichen Erregung, sowohl der«wollüstigeny, als auch der«pein- lichen?; sie ist der Ausdruck einer erhabenen Seele.

I. Begriff der Anmut.

1. Entwickelung des Begriffes der Anmut aus der grie- chischen Fabel.

Die griechische Fabel legt der Göttin der Schönheit sie ist ein Bild der schönen Menschengestalt, soweit sie von der Natur selbst herrührt einen Gürtel bei, der die Kraft besitzt, dem, der ihn trägt, Anmut zu verleihen und Liebe zu erwerben; die Schönheitsgöttin wird überdies von den Grazien, den Huldgöttinnen, begleitet. Sie allein ist es, die den Gürtel des Reizes trägt und verleiht. Juno, die herrliche Königin des Himmels, muss jenen Gürtel erst von der Venus entlehnen, wenn sie den Jupiter auf dem Ida bezaubern will. Hoheit also, auch wenn ein gewisser Grad von Schönheit sie schmückt, ist ohne Anmut nicht sicher zu gefallen.

Aus dieser Fabel entwickelt Schiller folgende Sätze:

a) Von der Schönheit des Baues oder der architektoni- schen Schönheit ist die Anmut zu unterscheiden. Alle Anmut ist schön, aber nicht alles Schöne ist Anmut.

b) Anmut ist Schönheit der Bewegung. Denn Bewegung ist die einzige Veränderung, die mit einem Gegenstand vor- gehen kann, ohne seine Identität aufzuheben. Auch das Minderschöne, auch das Nichtschöne kann sich schön bewegen.

c) Anmut tritt nicht in den notwendigen, sondern nur in den zufälligen oder willkürlichen, d. h. vom Willen des Sub- jekts abhängigen Bewegungen zu Tage, und ist ein Vorrecht der Menschenbildung..