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iſt das ſelbſt ſchon die Regung der Gnade, der Anfang der Erwählung. Alle Andern verſtehen Nichts da⸗ von, und für ſie iſt die Lehre nicht vorhanden. Und von dem Geheimniß der Weltregierung wiſſen wir Alle Nichts. Wenn aber ſo viel mit der Hölle geſchreckt wird, ſo wendet man ſich da an die niedrigſte Stufe der menſchlichen Geſittung. Wer ſich der Sünde nur enthielte, um einer ewigen Verdammniß zu ent⸗ gehen, der ſtünde doch noch tief unten in dem knechtiſchen Gehorſam. Schon bei den irdiſchen Strafen hat die Erfahrung gelehrt, daß ihre Größe die Luſt zum Vergehen nicht bändigt, hingegen zugleich mit ihrer Härte auch die Verbrechen ſich gemindert haben. Welches wahrhaft chriſtliche Gemüth mag bei dem Gedan⸗ ken ewiger Qualen verweilen, den Böſen ihr Verderben gönnen? Wie Furcht nicht in der Liebe zu Gott iſt, ſo reimt ſich Zorn und Rache nicht mit der Menſchenliebe. Es iſt ja Elends genug, böſe zu ſein, und die Sünde iſt ſchon an ſich ſelber die Verdammniß.
Vermag man dieſen Verlauf der Dinge gleichgültigen Auges anzuſehen? Man ſage nicht, es ſeien Wortſtreite, denn es gilt um Werth und Weſen der allerwichtigſten Gegenſtände; es ſei Prieſtergezänk, denn die Prieſter haben nie für andere als ſachliche Zwecke geſtritten. Daß ſolche Zwecke erreicht, befeſtigt, auf lange Zeiten geſichert werden können, lehrt die Geſchichte; und wer in den Kampf mit eintreten will, der das Gewiſſen vom Menſchenjoch befreieu ſoll, darf ſich nie der Hoffnung eines nahen Sieges hingeben. An dem Bau, der nun faſt fünfzig Jahre geſtanden hat, wird gerüttelt; ſo tretet hervor, ihr ſeine Bewohner, und vertheidigt ihn. Er wird nicht einſtürzen, wenn er Gott gefällt; allein wenn ihr läſſig ſeid, ſo wird euch der Beruf entzogen werden. Wer ſich der Vorſehung nicht als Werkzeug darbietet, muß ſich gefallen laſſen, daß ſie Andere wähle. Man ſollte die Unionsfrage mehr als geſchieht von der vaterländiſchen Seite betrachten. Wie lange bluteten die Wunden Deutſchlands, vom Glaubeuskrieg geſchlagen. Auch der Friede war nur eine Waffenruhe, bis die Geiſter ſich lichteten, denn alle Feindſchaft fußt auf der Finſterniß, auf der Unwiſſenheit. Waren nicht Proteſtanten und Katholiken Jahrhunderte lang wie zwei verſchiedene Natio⸗ nen deſſelben Landes, die ſich haßten und fürchteten, weil ſie ſich nicht kannten? Und nicht viel beſſer ſtand es zwiſchen den beiden evangeliſchen Hauptconfeſſionen. Als dieſe ſich als Eins fühlen gelernt hatten, trugen ſie auch ein offenes Herz für die Glieder der alten Kirche, und nicht ohne Erwiederung. Nun aber, was kann einem ſo religiöſen Volk, wie die Deutſchen ſind, dem die Religion noch immer die wichtigſte Ange⸗ legenheit bildet, und dem durch den Gang ſeiner Geſchicke noch immer ein ſicher leitendes politiſches Bewußt⸗ ſein abgeht, was kann ihm gefährlicher ſein, als wenn nicht nur die Schranke zwiſchen Katholiſch und Pro⸗ teſtantiſch von Neuem wieder im Leben und im Tod aufgerichtet wird, ſondern ſelbſt innerhalb der dieſſei⸗ tigen Gemeinſchaft die Unduldſamkeit immer wieder ihr drohendes Haupt hervorhebt!
Der Confeſſionismus hindert auch die Bekanntſchaft mit der Bibel. Der Mangel daran wird em⸗ pfunden, und beklagt oder getadelt; aber das Jammern und Eifern hilft hier Nichts; man kann Liebe, Ehr⸗ furcht, Bewunderung, wie ſie dem Buch der Bücher gebührt, nicht einpredigen noch einſchrecken. Jetzt wird eine koſtbare Zeit des Unterrichts mit den Katechismen verbracht. Welches deren Urſprung ſei, wiſſen dabei nur Wenige: wie in den älteſten Zeiten die drei Artikel ungefähr Alles waren, was der Täufling zu wiſſen hatte; wie ſich dann die zehn Gebote und das Unſer Vater daran reihte, und hiermit nebſt der Teufelsentſagung ſo ziemlich alles Wiſſen erfüllt war; wie dann den Getauften, deren Aufnahme meiſtens in Schaaren zur Oſterzeit geſchah, eine Ermahnung gegeben wurde, dergleichen wir noch einige Muſter von dem Biſchoff Cyrillus aus dem vierten Jahrhundert beſitzen, die in ihrer einförmigen Symbolik aller⸗ dings Aehnlichkeit mit manchen neuorthodoxen Predigten haben. Dann wurden im Mittelalter ſchwache Verſuche gemacht, den Pfarrern Anweiſung zu geben, was ſie z. B. über das Unſer Vater fragen ſollten, und dieſe hat Luther in ſeinem Katechismus, der bei allen Vorzügen die Spuren der Kindheit trägt, im Gar⸗ zen beibehalten. Denn für wen ſchrieb er dieſe Erklärungen? Nicht allein für die Menge, ohne Beſitz der Bibel, ohne Kenntniß des Leſens und Schreibens, denen deßwegen bei jedem Gottesdienſt ein Stück aus dem Alten oder dem neuen Teſtament vorgeleſen wurde, nein vornehmllch für die Pfarrer, von deren Roheit er eine Beſchreibung macht, die wir nicht wiederholen wollen. Er ſelbſt fügte den drei Stücken des Kate⸗ chismus, d. h. deſſen was man laut herſagt und ſich laut nachſagen läßt, noch die Stiftungsworte der Sacra⸗


