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einer gewiſſen Allgemeinheit abgefaßt. Es enthält die Schrift auch Mittheilungen für uns, von denen eine die andere berichtigt oder einſchränkt: der Annahme der Wiederweckung dieſes irdiſchen Leibes ſteht entgegen, daß es ein geiſtiger ſein ſoll; mit dem Schlaf der Seele, bis ſie am jüngſten Tage wieder mit ihrem Leibe vereinigt werde, ſtimmt es nicht, wenn im Gleichniß Lazarus und der Reiche alsbald nach dem Sterben ihre Vergeltung empfangen, und wenn dem Schächer am Kreuz noch an demſelben Tage das Paradies verheißen iſt. Aber das ſteht als deutliche Lehre feſt, daß eine Vergeltung ſein, und dieſelbe die Böſen von den Guten ſcheiden wird. Wir haben uns als böſe zu denken, wer Gottes Anſtalten zu ſeiner Beſſerung beharrlich Widerſtand leiſtete, wer im Leben keine Liebe übte, wer wohl das Wort Herr im Munde führte, aber ſeinen Willen nicht that; und da erſcheint es auch ſchon unſerer Vernunft als eine wirkſamſte Züch⸗ tigung, wenn ſie mit ihres Gleichen vereinigt dem verdienten Geſchick anheimfallen, während es für die Guten ſchon an ſich eine Wohlthat iſt, von den Böſen getrennt und frei zu ſein.
Schon frühzeitig iſt über die Erblichkeit der Sünde in der Kirche verhandelt worden, und die Frage ſcheint auch jetzt wieder in den Vordergrund zu treten. Den Namen Erbſünde kennt die Schrift ſo wenig, das das Wort Perſon im Weſen Gottes. Allein ſchon das Alte Teſtament bezeugt, daß der Menſch in Sünden empfangen und geboren, und daß ſein Dichten und Trachten von Jugend auf böſe ſei. Dieß bezeugt auch das Neue, und ſo lehrt Paulus, es ſei durch die erſten Menſchen die Sünde, und durch die Sünde der Tod in die Welt gekommen. Die Verderbniß iſt demnach im Ganzen ſo alt als das Menſchen⸗ geſchlecht, und im Einzelnen von gleicher Dauer mit dem Menſchenleben. Eine Sündloſigkeit des Kindes kennt weder die Schrift noch die Erfahrung. Ueber den Grad der Verderbniß beſtand in der mittelalter⸗ lichen Kirche nicht völlige Uebereinſtimmung, ob jede gute Anlage vertilgt, oder ob noch ein Reſt des Guten übrig ſei. Die proſtetantiſche Theologie war meiſtens für die ſtrengſte Anſicht; welches die dermalige Stim⸗ mung ſei, iſt mir nicht ganz gegenwärtig. Aber das weiß ich, daß der Unterſchied kein Gewicht hat. Denn darüber iſt man einig, daß der Menſch der göttlichen Hülfe bedarf, und daß insbeſondere der letzte und allein ganz wirkſame Beiſtand im Chriſtenthum geboten wird. Ohne ihn würde er, der Entartung ver⸗ fallen, immer tiefer und rettungslos verſinken; ob aber die Krankheit ererbt oder eigen, ob ſie ganz oder größtentheils die Natur ergriffen habe, immer iſt die Heilung dieſelbe, und nur Ein Arzt für ſie gegeben. Gänzlich abzuweiſen aber iſt die Unterſcheidung zwiſchen Erbſünde und wirklicher Sünde, die noch in neuen Katechismen gefunden wird, obgleich ſie der Schrift fremd iſt, und daher in der Augsburgiſchen Confeſſion nicht anerkannt wird; und abzuweiſen die Lehre, daß durch die Kindertaufe zwar nicht die Erbſünde, aber doch die Strafe für dieſelbe weggenommen werde; denn zu jeder Sakramentswirkung iſt der Glaube erfor⸗ derlich, und dieſes wird in den Stiftungsworten der Taufe bei Markus beſtimmt und deutlich ausgeſprochen.
Man hat über die Freiheit des Willens vielfach geſtritten, und ſich unter mancherlei Mißverſtand in die Abgründe überſinnlicher Unterſuchungen verloren. Es ſollte dem Chriſten genügen, daß ein ſündhaſter Wille nicht frei iſt, und daß ein Wort über dieſes Räthſel hinaushebt, das Wort: wen der Sohn frei macht, der iſt recht frei. Man hat ſich dann von Alters her wegen der Gnadenwahl oder Prädeſtination entzweit, um deren willen eben ſeiner Zeit die Reformirten von den Lutheranern den Türken gleichgeſtellt wurden: die Lehre, daß ein unbedingter Rathſchluß Gottes über dem Menſchen walte, der von Ewigkeit her ſein Schick⸗ ſal im Guten und im Böſen beſtimmt habe. Auguſtinus, im Anfang des fünften Jahrhunderts, der von einer ausſchweifenden Jugend zu ſtrengen Grundſätzen überging, ſchuf oder vollendete die Tbeorie, der edle, ſtets ſtittlich ernſte, bündig tief denkende Calvinus trat ihr bei, in neuerer Zeit hat Schleiermacher ihre Folge⸗ richtigkeit beleuchtet. Sie haben auch Recht: es iſt Alles Vorbeſtimmung von Gott, denn in ihm leben, we⸗ ben und ſind wir. Allein die Frage, die der chriſtliche Philoſoph ſich vorlegen mag, iſt dennoch nicht prak⸗ tiſch. Das Praktiſche iſt: Gott will, daß alle Menſchen gerettet werden und zur Erkenntniß der Wahrheit kommen. So weit aber ſein Wille gebt, muß auch ſeine Macht gehen. Er wählt, wenn ſeine Zeit iſt, wie ja auch der Meiſter ſeine Jünger, nicht ſie ihn gewählt haben. Wer ſich bewußt iſt, ihm anzugehören, ſollte der wollen, daß Andre verloren ſind? Und wenn Einer leidmüthig fühlte, er gehöre ihm nicht an, ſo


