Aufsatz 
Die Einheit der evangelischen Kirche : eine Rede / von Georg Thudichum
Entstehung
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macht! Die Mehrheit der Synode zu Nicäa hatte wohl Recht zu erklären, daß der Sohn nach ſeiner göttlichen Natur dem Vater gleich ſei, während Arius und ſeine Anhänger Aehnlichkeit behaupteten. Aechtung, Verfolgung, Gewaltthat, Krieg um dieſer Frage willen dauerten bis zum 7ten Jahrhundert, bis der letzte arianiſche König in Spanien rechtgläubig wurde. Unrecht, Uebertreibung, Mißverſtändniß war auf beiden Seiten. Wenn dann der fränkiſche Geſchichtſchreiber, Biſchoff Gregor von Tours, ein ſonſt guter und wackerer Mann, und nicht abergläubiſcher als ſeine Zeitgenoſſen, eine Nonne, die unter Herſagung des rechtgläubigen Bekenntniſſes geſtorben iſt, in den Himmel, und einen Arianer als ſolchen geradezu in die Hölle wandern läßt, ſo bezeichnet dieß ganz deutlich, was man unter dem ſeligmachenden Glauben verſtand, und was von Manchen noch darunter verſtanden wird. Luther war, wie an ſich vorauszuſetzen, von ſolcher Engherzigkeit weit entfernt; wenn er Zwingli und die Seinen wohl als Freunde, aber nicht ſo als Brüder anerkennen wollte, ſo ging das hauptſächlich aus der Beſorgniß hervor, dem Sacrament etwas von ſeiner Wichtigkeit zu vergeben. Und nun leſen wir, daß er nicht lange vor ſeinem Ende gegen Melanchthon äußerte, man ſei doch wohl zu weit gegangen, was nur bedeuten kann, daß ihm klar zu werden anfing, die andere Anſicht dürfte auch Berechtigung haben; denn es iſt unnöthig zu glauben, daß er in der ſeinigen wankend gewor⸗ den ſei. Daß dieſer frühſte Keim des rechten Unionsgedankens, der des erhabenen Mannes würdig war, nicht Wurzel faßte, dafür ſorgten die Theologen. Sie, deren jüdiſche Vorgänger den Herrn zum Kreuze förderten, ſie haben der Religion von jeher ſo viel geſchadet, als ſie ihr genützt haben; nnd doch iſt ihr Beruf ſo groß in ſich, und ſo edel nach außen, wenn ſie ihren Witz und ihre Speculation nicht über die Einfachheit der Schrift ſetzen wollen.

Daß die Schlange des Paradieſes der Teufel geweſen ſei, wird in der Schrift nicht ausgeſprochen; man folgert es aber wohl, wenn Chriſtus ihn einen Menſchenmörder von jeher und einen Lügner nennt, und wenn er in der Apokalypſe als die alte Schlange gezeichnet wird Für das Verſtändniß über den Urſprung des Böſen iſt die Annahme unerheblich, ſie gibt keinen Aufſchluß, der unſer Gemüth oder unſer Denken befriedigte; denn der Anfang des Uebels wird dann nur von dem Menſchengeſchlecht um eine Stufe weiter, zu den höheren Weſen, den Engeln hinaufgerückt, welche vor dem Menſchen geſchaffen ſein mußten; und wie kam es, daß dieſe, die doch noch vollkommener geartet waren, ohne äußeren Anlaß uner⸗ rettbar fielen, während es bei den erſten Menſchen dazu einer Verführung bedurfte? Die Eriſtenz des Teufels zu leugnen, dazu hat man keinen entſcheidenden Grund, und durchaus kein Recht, die Annahme derſelben an ſich als Aberglauben zu behandeln. Wie aber die Lehre gewiſſe unlösbare Schwierigkeiten biete, iſt eben an einem Beiſpiel gezeigt worden. Sicher iſt, daß ſie in manchen Schriftſtellen bildlich an⸗ gewendet wird, und eben ſo ſicher, daß ſie für das chriſtliche Verhalten ohne Bedeutung iſt; denn die Schutzmittel gegen den Widerſacher ſind ganz dieſelben, die wir gegen das Böſe überhaupt zu Hülfe neh⸗ men: Wachſamkeit, Nüchternheit, Gebet, Arbeit, und womit wir ſonſt der Sünde die Thüre verſchließen; und ſo wird man die nicht für unchriſtlich erklären dürfen, die den Fürſten der Finſterniß als ein Symbol anſehen, da ſie ſich mit der Perſönlichkeit dieſes böſen Princips nicht befreunden können. Ob ſich Chriſtus bei der Heilung der Beſeſſenen, welche auch die Juden ausübten, der herrſchenden Denkweiſe anbequemte, oder ob die Teufel damals wirklich eine ſolche Gewalt über die Menſchen hatten, darüber waren zu ver⸗ ſchiedenen Zeiten auch fromme Forſcher ungewiß; das iſt aber erwieſen, daß unter uns keine leiblichen Uebel von Dämonen herrühren.

Wir ſollten uns gegenüber dem Neuen Teſtament überhaupt der Beſcheidenheit befleißigen, und nicht anſprechen Alles zu verſtehen. Einſicht und Wille, Sittlichkeit und Erkenntniß gehen gleichen Schritt. In dem Maße wie unſre Fehlerhaftigkeit ſich mindert, wächſt auch das Verſtändniß; und ſo konnte nur der Meiſter ſagen, daß er die volle Wahrbeit rede, weil ihn Niemand einer Sünde zeihen konnte. Man denke, wie ſelbſt die Apoſtel Anfangs noch irrten, und erſt mit der inneren Läuterung ſtufenweiſe zur Wahrheit gelangten; wie Petrus länger als recht an dem Moſaismus hielt, und von Paulus getadelt wurde, und wie Paulus eine Zeit lang den letzten Tag als nah erwartete. Weiſſagungen ſind immer bildlich und in