Aufsatz 
Die Einheit der evangelischen Kirche : eine Rede / von Georg Thudichum
Entstehung
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mente hinzu, die er gleichfalls mit Fragen und Antworten verſah. Wie nun Alles in der lutheriſchen Kirche er⸗ ſtarrte, ſo blieb man auch bei dem lutheriſchen Katechismus, den man wie kanoniſch anſah, und heilig nannte, ſtille ſtehn, ja es klingt in manchen Kirchenordnungen die Stimmung durch, als ob man Luther ſelbſt unter die Heiligen zähle. Das Buch abfragen, war der Unterricht, das Herſagen der Beweis des Wiſſens. Wenn endlich im vorigen Jahrhundert von Mosheim her der Katechismus ein kurzes Syſtem des Chriſtenthums wurde, wenn Hübner bibliſche Geſchichten, doppelt nach der Zahl der Sonntage, verfaßte; der Unterricht blieb derſelbe: Lehrſätze wurden auswendig gelernt, wiederum auch wohl Erklärungen zu denſelben; und Fragen am Fuße des Buches, ja endlich umfangreiche Commen⸗ tare kamen der Noth des Lehrers zu Hülfe, um, worauf der höchſte Werth gelegt wird, die Schüler fragen zu können. Nachdem ſich dieſer Weg als dornig erwieſen hat, kehrt man zum Früheren zurück. Der Text der fünf Stücke, nebſt ſeiner Erklärung, und auch wohl der Erklärung der Erklärung, wird memorirt, ſammt den überallher, wohl gar aus einem beſondere Spruchbuch, hergenommenen Schriftſtellen, von denen die Schüler keinen Begriff haben, was ſie in ihrem Zuſammenhang vollſtändig bedeuten. Denn daß die Schrift eine zuſammenhängende Geſchichte von der göttlichen Führung der Menſchheit ſei, werden ſie viel⸗ leicht hören, aber nie ſelbſt ſehen und empfinden. Daß ſie eine bibliſche Geſchichte, ja ein Jeder eine Bibel haben, hilft ſie wenig, denn ſie gelangen nicht recht dazu, auch hat jene zu wenig, und dieſe für die Jugend noch zu viel. Das nennt man dann poſitives Chriſtenthum, wornach ein negatives wäre, was nicht aus dem Katechismus geſchöpft iſt. Aber Chriſtus hat keinen Katechismus gelernt, wie ſein Geſpräch im Tem⸗ pel beweiſt, als er zwölf Jahre alt war, und die drei jüdiſchen Confeſſionen waren ſeine Gegner. Gebt euch die Mühe, ihr Führer der Jugend, ſie in der Schrift ſelbſt einheimiſch zu machen, wo ſie ſich ſogleich wie in einem ſchöneren Heimathlande fühlen, wo ſie die Sprüche eurer Spruchbücher in Geiſt und Herz aufnehmen, und in ihnen das Höhere der Anſchauung, den Hauch des Göttlichen empfinden wird. Aber es iſt ſchwerer als das Abfragen, und erfordert Kenntniß, Gewöhnung, Vorübung und Geduld. Und ihr, denen die Union am Herzen liegt, macht nicht einen Unionskatechismus, der doch auch immer an die Tren⸗ nung erinnert; führet eure Pfleglinge, ihre Seele zu tränken, nicht an künſtliche, immer gctrübte Waſſer⸗ rinnnen, ſondern ſogleich und allezeit an den heiligen Quellſtrom ſelber, der in ſtets gleicher Herrlichkeit und Fülle befruchtend durch die Welt fließt.

Unſer Gymnaſium, geehrte Verſammlung, iſt recht eigentlich ein Kind der Union zu nennen. Dieſe gewährte zuerſt neue Mittel, an der herabgekommenen Anſtalt die Lehrkräfte zu vermehren. Sie hat uns dieſen edlen Bau gegeben, der ein unſchätzbares Beſitzthum bildet. Möchte ich nicht erleben, daß die Schule lutheriſch ſein wolle, wie dieſes Haus die lutheriſche Kirche war, oder reformirt, wie ſie aus einer reformir⸗ ten Stiftung hervorgegangen iſt. Sie trage ferner wie bisher dazu bei, in den künftigen Theologen einen offenen Sinn für alles Schöne, Wahre und Gute zu erwecken, und ſie vor düſterem Zelotismus und trüb⸗ ſeliger Verachtung von Kunſt und Wiſſenſchaft zu bewahren. In unſrer Kirche möge ſtets das ungeſchminkte Evangelium gepredigt werden, ihr Patron wie bisher dabei beharren, und ſo auch dieſe gute Stadt, die vor 43 Jahren den Tag der Vereinigung mit Freudendank und brüderlichem Sinn gefeiert hat.

e, U