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wenn ich ſehe, wie im Verlauf meines nun langen Lebens das ſogenannte Erwachen der Kirchlichkeit und Religiöſität in Prieſterwerk und Buchſtabendienſt ausgeſchlagen iſt. Perſönlich bin ich unbetheiligt, denn ich leide weder unter dieſem Druck, der denn auch die hieſige Luft bis jetzt noch nicht beengt hat, noch hab' ich Gewinn oder Verluſt davon, welche Seite überwiegend werde, noch auch die Meinen wird es berühren. In Rückſicht meiner Stellung darf ich demnach wohl als parteilos und uneingenommen betrachtet werden. Wie ich mich aber vor fünfzehn Jahren erhaltend, abwehrend, vertheidigend meiner evangeliſchen Kirche angenom⸗ men habe, ſo thue ich heute wieder: denn was ſie poſitives Chriſtenthum nennen, maßt ſich dieſen Namen nur an, was ſie Glauben heißen, verdient dieſe Bezeichnung nicht. Die Liebe wird eine Parteiſache, eine Operation des Kopfes, und nicht mehr eine Thätigkeit des Herzens.„Wenn ihr liebet die euch lieben, wel⸗ chen Lohn habt ihr? Thun nicht daſſelbe auch die Zöllner? Und wenn ihr nur die Brüder grüßet, was thut ihr Beſonderes? Thun nicht ſo auch die Heiden?, Phantaſie oder Verſtandeswitz nennt man Gemüth; alle Begriffe gerathen in Verwirrung. Sätze die vor Jahrhunderten aufgeſtellt wurden, und die ſchon längſt der Zeit verfallen ſind, werden für neu angeſehen, oder dafür ausgegeben; die Religion wird zum weltlichen Mittel herabgewürdigt, und ſie würde gefährdet ſein, wenn ihr göttlicher Gehalt nicht unvergänglich wäre, ihr Licht nicht wie die Sonne über den Nebeln ſtünde, und ſie immer wieder zur Erde niederdrückte von der ſie gekommen ſind. Da die Streitpunkte noch die alten ſind, eben aus der Vergangenheit zurückgerufen, aus den Sälen der Wiſſenſchaft auf den Markt gebracht werden, ſo bedarf dieſer Vortrag in ihrer Behand⸗ lung nicht immer bis auf die Reformation oder noch weiter zurückzugehn; es kann auch nicht die Abſicht ſein, ſie alle zu beleuchten. Nur einige ſeien der Prüfung unterzogen, und auch bei ihnen iſt Ausführlichkeit nicht zuläſſig, ſondern es muß genügen, darauf aufmerkſam gemacht und zum Nachdenken darüber angeregt zu haben.
Man kann mit Grund annehmen, daß weniger die Heilslehren des Evangelismus, als ſeine ſchrift⸗ mäßigen Grundſätze über Bau und Einrichtung der Kirche uns unvereinbar von den Römiſchen ſchei⸗ den. Allerdings wurde die pauliniſche Lehre, die er den Juden entgegenſtellte, daß der Glaube, nicht die Werke, vor Gott rechtfertige, auch von Luther gegen den Ablaß geltend gemacht. Allein wir haben ſchon geſehen, daß der Glaube an Chriſtum allen ſeinen Anhängern gemein iſt, und es lehrt auch die römiſche Kirche nicht, daß die Werke ohne ihn etwas nützen, es iſt nur das Verdienſt der Reformation, das Wichtigere vor das Geringe, das Wirkende mit Entſchiedenheit vor das Gewirkte geſtellt zu haben, aus den Werken komme nicht Glaube, wohl aber aus dem Glauben mit Nothwendigkeit Werke. Die Anſchauung iſt richtiger, weil ſie organiſch iſt, und man nennt ſie das Princip, alſo den oberſten Satz des Proteſtantismus, da aber doch die alleinige Geltung der Schrift das unterſcheidende Merkmal abgibt, ſo hat man dieſes das formale, jenes das rationale Princip genannt, was einen logiſchen Widerſpruch bildet; denn ein Syſtem, ein Lehrgebäude kann nicht zwei oberſte Sätze haben. Der vom Glauben trennt uns nicht entſchieden von den Katholiken, ſowenig als ihre gelindere Anſicht von dem Grade der angebornen Sündhaftigkeit; auch iſt er dem Mißverſtändniß ausgeſetzt, wenn Glaube wie ein bloßes Annehmen und Bekennen gefaßt wird, wenn wir es wie einen Act anſehen, vermöge deſſen wir Gott zufriedenzuſtellen haben; und ſo iſt es ſchon ſogleich in der Apoſtelzeit geſchehen, denn des Jacobus Brief iſt offenbar gegen jenen Mißverſtand gerichtet. Selbſt wenn wir die Werke nicht als das ſittliche Verhalten betrachten, ſon⸗ dern als Beobachtung gewiſſer Gebräuche, ſo ſtehen gerade Diejenigen, welche ſo ſehr den Glauben betonen, nicht gar weit von den Römern in Gebeten und Andachten zu beſtimmten Zeiten, ſelbſt bis zur Bekreuzung, in Zeichen und Gebräuchen beim Gottesdienſt; und ſelbſt das Bekenntniß, ſelbſt der Gebrauch der Sacra⸗ mente gehört zu den Werken. Die Prieſterſchaft der alten Kirche erſchrack vor dem Umſturz des hierarchi⸗ ſchen Gebäudes, welches im Neuen Teſtament nicht begründet iſt. So ſind es nun auch in unſerer Kirche weſentlich Verfaſſungsfragen, die den Streit in Bewegung halten. Aufſicht, Sittenzucht, Beichte, Rechte und Qualitäten der Geiſtlichkeit, Amt der Schlüſſel, Cultus und Gemeindevermögen und Anderes ſind Gegen⸗ ſtände des öffentlichen Lebens und der Kirche, und es iſt eben die Frage, wo Geſetzgebung und Verwaltung ruhen, und wie weit die Pflicht des Gehorchens geht. Hirt und Heerde ſind ſchöne und ächte Bilder in


