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Niemandes Gewiſſen beſchwert ſah, wurde die Bewegung von außen hereingetragen. Lag ſie in der Luft? Oder waren ihr äußere Kräfte förderlich? So viel iſt nicht zu verkennen, daß von vielen Patronen die Lutheraniſten vorgezogen werden. Wenn dieſe nun, der evangeliſchen Freiheit ſich bedienend, nach ihrer Anſicht lehren, ſo ſind ſie völlig in ihrem Rechte, nur daß ſie die Andern nicht verketzern, ſich nicht von ihnen abſcheiden, ſie nicht zurückweiſen, am vorhandenen Cultus ohne Willen der Gemeinde und der kirchlichen Behörden Nichts ändern dürfen. Alles das iſt aber geſchehen, und wir ſtehn auf dem Gipfel der Entzweiung. Papſt Leo XlII. ertlärte im Jahr 1824, daß man in den von den Bibelgeſellſchaf⸗ ten verbreiteten Bibelüberſetzungen ſtatt des Evangeliums von Chriſto ein Menſchen⸗ ja Teufelsevangelium finde. Hat dieß überhaupt einen Sinn, das heißt, denkt ſich der Redende Etwas dabei, ſo kann es nur das Folgende ſein: Es iſt gegen die Traditionen der Väter und gegen den Beſchluß der Kirchenverſamm⸗ lung zu Trient, die Heilige Schrift überhaupt in die Landesſprachen der Völker zu überſetzen; ſie nützt denſelben Nichts, denn ſie verſtehen ſie nicht, oder ſchadet ihnen, wenn ſie mißverſtehen; in den nicht vom römiſchen Stuhle gebilligten Ueberſetzungen können aber auch Irrlehren ſtehen, indem man abſichtlich oder aus Unwiſſenheit falſch gedolmetſcht hat. Beides, der Ungehorſam und die Irrlehre und Volksverführung, ſind Werke des Teufels. Das iſt nicht gar viel ſtärker, als was Confeſſioniſten gegen die Union vor⸗ gebracht haben, von Irrlehre und Verdammniß, von Verabſcheuungswürdigkeit einer unioniſtiſchen Abendmahlsfeier. Es ſind allerdings nur einzelne Ausbrüche, aber ſie wachſen auf dem Grunde der Feind⸗ ſchaft gegen die Vereinigung. Mit weniger auffälligen Mitteln wird ihr auch mehr Schaden gethan, und ſie in Frage geſtellt. Der ſogenannte Kirchentag wollte eine Conföderation an ihre Stelle ſetzen; überall ſucht man die Unterſchiede wieder hervor, es ſoll ein Kirchenbund ſtatt einer Bundeskirche werden; wir haben drei Kirchen für zwei, und drei Katechismen vertreten die drei Bekenntniſſe. Was evangeliſch hieß, ſoll wieder dreierlei Namen tragen, es denkt aber Niemand daran, die Gemeinden zu fragen, ob das ihr Wille ſei, da ſie doch einſt über dem Rhein gebührentlich Mann für Mann gefragt wurden, ob ſie die Union woll⸗ ten. Der frühere Unionskatechismus wurde allgemein ohne Widerwillen angenommen, ſeine Mängel wären durch Verkürzung und Vereinfachung zu heben geweſen; die neueren Verſuche dieſer Art ſind dem luthexiſchen viel zu ähnlich, als daß ſich die früher Reformirten nicht beeinträchtigt halten könnten, oder ſie wurden durch muſiviſches Zuſammenkitten des lutheriſchen mit dem heidelberger ſpieſpältig in Ton und Behandlung. Auch dieſe erſcheinen als eine Nachgiebigkeit gegen die Lutheraniſten. Ihrem Drängen folgte die Reform der Ge⸗ ſangbücher. Viele derſelben, wie ſie etwa in dem erſten Decennium unſeres Jahrhunderts ans Licht traten, enthalten wenig Poeſie und viele Proſa, nicht weil es ein unfrommes, unkirchliches, wohl gar gottloſes Zeit⸗ alter war, wie Diejenigen wiſſen, die die Zeit nicht geſehen haben, ſondern weil man die Sache von Staats wegen irgend ein paar Leuten auftrug, die ihr nicht gewachſen waren. Das Ausſchließen vieler edelſten Lieder, das Umformen vieler von ihnen, und den ganzen Ballaſt unberufener Reimereien, die den Haupt⸗ raum ausfüllten,— meint ihr, viele Verſtändige hätten den Mißgriff nicht getadel, bedauert? Aber man war gewohnt Alles geduldig hinzunehmen, um ſo geduldiger, als ſonſt den Gewiſſen kein Zwang geſchah. Und jetzt, wo das kirchliche Leben, das ja doch erweckt werden ſoll, ſich zu regen beginnt, und man Kate⸗ chismen und Geſangbücher nicht ohne Weiteres annehmen will, dürfte man über unbefugten Widerſtand klagen? Die Urſache des Widerſtands liegt aber am Tage: das Alte ſoll als ſolches für gut gelten, man gedenkt es mit allen ſeinen Mängeln wieder herzuſtellen, ſelbſt Anſtößigkeiten ſcheut man nicht wieder zurück⸗ zuführen. Was iſt der Grund dieſer Erſcheinung? Verfolgt man dabei gewiſſen Zwecke, oder iſt es Mangel an Geſchmack und Urtheil? Ein evangeliſches Geſangbuch ſollte nicht jeder Bezirk für ſich machen, es wäre die Sache des ganzen deutſchen evangeliſchen Landes. Der Entwurf, auf geeignete Weiſe bewerkſtelligt, wäre zehn Jahre lang der Literatur zu übergeben, und beſtimmte Zeitſchriften den Beurtheilungen und Verbeſſerungs⸗ vorſchlägen zu eröffnen Aber dazu iſt nirgends Geduld, und ſo bleibt Alles ein Flickwerk.
In einem ſolchen Zuſtande von Widerſtreit und unſicherer Schwankung geziemt es Jedem, ſich ſelber klar zu werden und ſeine Stellung zu nehmen. Auch ich, geehrte Verſammlung, habe ſo gethan, und gedenke an dem Streit, oder wenn man will, an der Verhandlung Theil zu nehmen. Denn ich fühle mich tief bewegt,


