— 35—
nennt, und die nur dem Geſetzgeber zuſteht. In der römiſchen Kirche thut dieß ganz folgerichtig der Papſt als der Stellvertreter Chriſti, hier kommt es den Bekenntniſſen zu, welche man in der Reformationszeit auf⸗ geſtellt hat, die aber ſogar von einander abweichen. Was wir hier geſchildert haben, nennt man nach den Bekenntniſſen Confeſſionalismus, oder nach dem Anſpruch der Rechtgläubigkeit Orthodoxie, und da die Par⸗ tei eigentlich nur der lutheriſchen Seite angehört, ſo heißen ſie auch Lutheraniſten.
Die Reformation empfing ihren letzten Anſtoß von der Beleidigung des ſittlichen Gefühles durch Ab⸗ laßkram und Unwiſſenheit und Entartung des Klerus, der durch beide hinter dem Zeitalter zurückſtand. Dieſe große welthiſtoriſche Entwicklung iſt allerdings weſentlich ein Werk und eine Ehre des deutſchen Volkes; allein wir dürfen nicht vergeſſen, daß alle Vorläufer derſelben in andern Ländern auftraten. Eine Kirche die von Hierarchie und von römiſchem Primat Nichts wußte beſtand aus den erſten Zeiten her, denen dieſe Dinge unbekannt waren, in Großbritannien, und einen Anhänger dieſer Kirche von apoſtoliſcher Einfalt wußte noch Bonifacius unſchädlich zu machen; er verſchwand und wurde nie wieder geſehen. Albigenſer und Waldenſer gehören der romaniſchen Welt an, und daſſelbe England, das den treuen Diener des Papſtes, den Bonifacius zu uns herüber ſandte, brachte auch den bibelgläubigen Wicklef hervor, ſein Nachfolger aber, der Märtyrer Huß, war ein Böhme. Unterdeſſen reifte die Welt an dem Vermächtniß der vorchriſtlichen Zeiten in Kunſt und Wiſſenſchaft heran, und als Luther mit mächtigem Geiſt und Willen, als Zwingli mit lichtem und feſtem Sinn auftraten, zündete das Feuer überall, war es namentlich in England ſchon vorbereitet, ja ſtill entglommen; daß es aber nicht wieder ausgelöſcht wurde, haben wir, durch Gottes Fügung, dem Muth und Genie der Unternehmer, dem Beiſtand der reformirenden Machthaber, der allgemeinen Weltlage und den Zuſtänden des deutſchen Reiches zu verdanken. Was eine folgerichtig vorgehende einheitliche Gewalt auch gegen die Religion vermöge, das lehren Italien, Spanien, Frankreich, und endlich Oeſterreich, das ein⸗ mal zum großen Theil evangeliſch war, wo aber der furchtbare Grundſatz für die Herrſcher geltend wurde: cuius regio eius religio, das iſt zu Deutſch: weſſen Land, deſſen Glaubensſtand.
Es war eine Reform im engſten Sinne des Wortes, ein Zurückführen auf die urſprüngliche Geſtalt des Chriſtenthums, was man anſtrebte, nicht eine Umbildung, Fortbildung, wie ſie in ſtaatlichen Dingen geſchieht, nicht eine Evolution oder Entwicklung, noch viel weniger eine Revolution oder Umwälzung, nicht das Aufſtellen neuer irgendwie nach der Vernunft bemeſſener Rechte, ſondern das Herſtellen der alten als göttlich anerkannten Stiftung. Es war nicht ein neuer Bau aufzuführen, ſondern der vorhandene aus Verſchüttung und mißförmigen Zuthaten zu ſeiner erſten einfachen Schönheit herzuſtellen. So war es denn auch nicht auf eine Trennung, auf ein völliges Losſagen von der bisherigen Gemeinſchaft abgeſehen, die Reformatoren hielten ſo lange als möglich die Hoffnung feſt, es werde das Ganze zuſammenbleiben, und aus der Kriſe eine verjüngte allgemeine Kirche hervorgehen. Ein ſolcher Wunſch, eine ſolche Hoffnung entſprang aber nicht aus der Furcht oder dem Widerwillen vor einer Trennung und ihren Folgen, ſondern viel⸗ mehr aus dem Gefühl der Zuſammengehörigkeit auf der Grundlage des Glaubens an Chriſtum, denn dieſer iſt der höchſte Begriff des Chriſtenthums. Glauben fordert der Meiſter ſelbſt, Glauben ſeine Boten; er war's, der die Welt überwinden mußte, der nebſt Liebe und Hoffnung das zeitliche und ewige Daſein zuſammenhielt. Ohne ihn wäre keine Kirche geblieben, wenigſtens keine die des Reformirens werth war. Er iſt die Hingabe des Gemüths an Chriſtum als den einzigen Helfer aus der Noth der Seele, deſſen Joch ſanft und deſſen Laſt leicht iſt, die innere Erfahrung, daß er nicht blos das treuſte Herz für uns hat, ſondern auch die beſten Wege weiß, und dieſelben an ſich ſelber gezeigt, und durch Leben und Leiden und Erhöhung bethätigt hat. Wer ſo fühlt und denkt, den erkennen wir für einen Chriſten, wenn ihm auch manche richtige Anſicht abgeht. Daher ſind auch die römiſchen, griechiſchen armeniſchen und was immer für andere Bekenner unſere Brüder, gelten nicht für Solche die draußen ſind, die uns Nichts angehen; auch ihren Weg laſſen wir als den des Lebens gelten, führe er auch nicht in der kürzeſten, geradeſten Richtung zum Ziele. Die ächte Tolerenz, vermöge deren wir dem Andern das Recht zugeſtehn ſeiner Einſicht zu folgen, beruht auf der Treue gegen unſere eigene Ueberzeugung, und je leiſer und ſolgiamer. wir auf den


