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leicht etwas zur Selbſterkenntniß beizutragen, da dieſelbe, wie ſie war, keine großen Erfolge zu verheißen ſchien; denn Mehreres ſtand ihnen entgegen: es fehlten der Bewegung fürerſt große und nachhaltige Kennt⸗ niſſe und Talente, es gebrach der Reform eine feſte Grundlage, und die Unternehmer wußten ſich nicht auf ihr Gebiet zu beſchränken, ſondern gedachten zugleich die proteſtantiſche Kirche zu reformiren.
Ich hoffte alſo nicht gar viel, und die Zeit hat die Vorausſetzung beſtätigt. Der erwähnte Hiſtoriker, deſſen beredte Schrift wiederholt aufgelegt wurde, überſah keineswegs die Dürftigkeit der Kräfte, mit denen ein großes Werk begonnen wurde, allein er hoffte wohl, als Ausnahme von der geſchichtlichen Regel, nach welcher ohne große Männer etwas Großes nicht zu Stande kommt, daß hier einmal viele mittelmäßigen Einheiten ein ſchätzbares, ja bedeutendes Ganze bilden würden, wie etwa der Zollverein aus vielen Theilen und verſchiedenen oft unklar empfundenen Intereſſen zum anſehnlichen, mit einer Art von höherem Gemein⸗ bewußtſein begabten Körper zuſammen gewachſen ſei. Das aber ſchien er nicht zu beachten, daß keine reli⸗ giöſe Stiftung ohne einen poſitiven Inhalt möglich iſt. Alle Religionen ſind gegeben und ruhen auf einer beſtimmten Offenbarung; auch die falſchen machen dieſen Anſpruch; der Name der ſogenannten natürlichen Religion bezeichnet entweder das individuelle, jedem Menſchen angeborene religiöſe Gefühl und Bedürfniß, das von Paulus geſchilderte Gottesbewußtſein, was der Religionsſtiftung entgegenkommt; oder man ver⸗ ſteht darunter auch wohl ein allgemeines Ergebniß von Lehren und Anſchauungen, die aus den poſitiven Religionen abgezogen, und von dem philoſophiſchen Denken geordnet und vervollſtändigt werden. Allein mit Philoſophie läßt ſich nur eine Schule, höchſtens, wenn ſich eine Lebensgemeinſchaft darauf gründet, eine Secte, nie aber eine Gemeinde, eine Kirche aufrichten. Es geht daraus hervor, daß eine Reform, wenn ſie nöthig wird, ſich allezeit auf die urſprüngliche Stiftung zurückziehen muß, wie denn auch die deutſchen Reformatoren, und vor ihnen Alle, die das Ziel der Glaubensreinigung vor ſich hatten, lediglich an die Schrift appellirten. Der Gedanke der Fortbildung einer Religion, ihrer Entwicklung und Vervollkommnung, wie ſolche im Staatsleben ſtattfindet, iſt ein Irrthum. Bekenner einer ſolchen haben kein Recht, etwas hinzu oder davon zu thun, wovor ja auch Moſe die Iſraeliten gewarnt hat, und Diejenigen unter ihnen, welche ſich über bibliſch moſaiſche Vorſchriften hinausſetzen, ſind eben ſo ſehr im Unrecht, als ſie das Recht haben, von ſpäteren Zuthaten ihrer Schriftgelehrten, als einem unbeglaubigten Menſchenwerk, ſich loszuſagen. Man glaube nicht, daß der Druck, der zeitweiſe auf dem Deutſch⸗ oder Chriſt⸗Katholicismus gelegen hat und zum Theil noch liegt, und der nicht zu billigen iſt, ein mächtiges Aufkommen deſſelben verhindert habe; was ihm fehlt, wenn man nach den Producten ſeines Cultus und ſeiner Lehre ſchließen darf, das ſind die Thatſachen, da ihm die Ereigniſſe des Neuen Teſtamentes eine geringere Wichtigkeit zu haben ſcheinen, kritiſch bezweifelt und mit manchen tiefſinnigen Lehren dem Gebiete der ſchmückenden Phantaſie zugetheilt werden. Die Kirche des Mittelalters hingegen begnügte ſich nicht mit dieſen Thatſachen, ſondern überbot ſie mit tauſendfältig erdichte⸗ ten Wundern; ſie that unberechtigt hinzu, wie dort davon gethan wird, und ſtellte ſich auf den Standpunct der Secten, welche in jeder Form eine fortlaufende Offenbarung, eine nachweisbare und lenkbare Begeiſtung oder Inſpiration anſprechen, ſodaß in dieſem Sinne auch die römiſch katholiſche Gemeinſchaft als eine Secte zu betrachten iſt.
Sahen wir uns nun damals der Verflüchtigung entgegengeſtellt, für das Dauernde einſtehend, ſo regte ſich gleichwohl ſchon zu jener Zeit die Ahnung, es werde nach dem allgemeinen Geſetz der Entwicklung viel⸗ leicht bald für das dermalige Aeußerſte ſich ein anderes gelteud machen. Nahe umher war ſchon die Wen⸗ dung eingetreten, und wurde uns als eine Bekehrung angekündigt; wirklich ſetzte ſie ſich wie eine Fluthwelle fort, und gutes Muthes ſegelt nun darauf, wer den jedesmaligen Wind der Zeit für den rechten Fahrwind zu erachten geneigt oder gewohnt iſt. Den Römiſchn gleich ſind ſie nicht zufrieden mit dem was die Schrift enthält, ſondern ziehen noch Lehrſätze und Einrichtungen, wie z. B. ein bevorrechtetes Prieſterthum, die ſich im Lauf der Zeit gebildet haben, hinzu, ihnen gleich legen ſie ſich ſelber die Rechtgläubigkeit mit allen ihren Anſprüchen für dieſes und jenes Leben bei, ihnen gleich nehmen ſie eine Auctorität an, welche über die Aus⸗ legung der Schrift zu entſcheiden hat, was man in menſchlichen Geſetzen eine authentiſche Interpretation
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