Hochgeehrte Verſammlung!
Vor nun fünfzehn Jahren geſchah es, daß ich hier, und bei gleicher Gelegenheit wie heute, von den kirchlichen Bewegungen jener Zeit zu reden unternahm, weil es mir ſchien, als dürfe Alles, was dem Ge⸗ biete des Geiſtes, der Geſittung und der Erkenntniß angehört, vor Freunden und Inhabern einer höheren Bildung verhandelt werden. Jene deutſchkatholiſche Erregung bewirkte damals bei der Menge eine merk⸗ würdige Zuſtimmung, die auch viele ſonſt ruhig Urtheilende mit ſich fortzog. In der That verrieth die große und allgemeine Theilnahme des Volks irgend ein weitverbreitetes Bedürfniß, das auf Befriedigung hoffte; und wenn nun auch ſolche, die zu den Weiſen zählten, jene Hoffnung theilten, ſo war dieß immer⸗ hin ein gewichtiges Zeugniß dafür, daß man keineswegs etwas Nichtiges wolle, und daß man auch zur Erreichung des Zieles wohl nicht durchaus einen falſchen Weg eingeſchlagen habe. Freunde des ſtaatlichen, wie des kirchlichen Fortſchritts, zwiſchen welchen beiden doch immer eine Wechſelwirkung beſteht, ſahen in dem Sendſchreiben eines jungen katholiſchen Prieſters an einen Biſchoff gegen den Aberglauben des Reliquien⸗ dienſtes ein wichtiges hiſtoriſches Ereigniß, den Anfang einer geiſtigen Erneuerung, und der mit Necht be⸗ lobte Geſchichtsſchreiber der deutſchen poetiſchen Nationalliteratur, ein ſo ſcharfſinniger als hochherziger Mann, theilte in einer von ihm ausgegangenen beſonderen Schrift dieſem neuen Katholicismus die Miſ⸗ ſion, alſo die höhere Beſtimmung oder Sendung zu, Deutſchland zur religiös kirchlichen Einheit zurückzu⸗ führen. Was ich meinestheils zu jener Zeit von der damals noch ganz jungen Sache geurtheilt und erwartet habe, iſt vielleicht Einem und dem Andern der heute Anweſenden noch in einigen Zügen von jenem meinem Vortrag her erinnerlich, oder Manche haben etwa davon Kenntniß genommen, nachdem dieſer Vor⸗ trag im Druck erſchienen war. Eines weitreichenden Beifalls durfte ſich derſelbe nicht wohl gewärtigen, denn er ſtrebte wider den Strom, wiewohl er aus einem wohlmeinenden, der guten Sache zugeneigten Herzen kam, er ſchien in den Augen Mancher dem Rückſchritt zu dienen, dem doch ſein Verfaſſer nie gehul⸗ digt hat; aber es galt das Intereſſe der Wahrheit, es galt bei der eben ſich bildenden Gemeinſchaft viel⸗
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